Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1877)
- Date
- 1877-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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118 an; die übrigen Gemeindeglieder und der Religionslehrer huldigen der Reform. Mein Freund hat einen Sohn, der das Gymnasium besucht; derselbe hat mit seinen Mitschülern Religionsunterricht. Eines TageS kömmt der Knabe am Sadbat-Nachmittage aus der Religionsstunde, setzt sich ans Clavier und spielt. Erschreckt eilte der Vater herbei; aber der Knab? ruft ihm entgegen: „Herr A. (der Religionslehrer) hat gesagt: Clavierspielen am Sabbat sei keine Sünde. —" Mein Freund belehrte sofort seinen Sohn eines Besseren; er gestattet seitdem nicht, daß der Knabe ferner den Religionsunterricht besucht. Wie wäre es aber, wenn dieser letztere obligatorisch wäre? Da in jener Gemeinde ein Ersatz nicht zu beschaffen ist, so wäre der Vater gezwungen, sein Kind in religiöser Beziehung verderben zu lassen! Jeder Vernünftige wird zugestehen, daß gar kein Religionsunterricht ein geringeres Nebel ist als ein solcher, in welchem das Gegentheil von dem, was wahr ist, gelehrt wird. Und nun will ich Ihnen noch ein gerade entgegengesetztes Beispiel anführen. Auf meinen Reisen lernte ich einen sehr braven und frommen Religionslehrer kennen in einem unserer deutschen Vaterländer, in welchem der Religionsunterricht obligatorisch ist. Der Religionslehrer ertheilt den Unterricht am Gymnasium; er klagte mir, wieviel Kummer und Verdruß, welche Mühe und Last ihm zwei Knaben, der eine der Sohn eines Arztes, der andere der Sohn eines Advocaten, in den Religionsstunden verursachen. Diese beiden Knaben machen seine ganze Arbeit illusorisch, indem sie ihren Mitschülern gegenüber den skeptischen Geist ihrer Eltern zum Ausdruck bringen. Ja, er habe die Religionsstunden vom Samstag-Nachmittage wegverlegen müssen, so hart das auch in den Lehrplan sich einfügen ließ, weil er nicht habe hindern können, daß die beiden Knaben in seiner Gegenwart den Sabbat entweiheten; habe er gestraft, so beschwerten sich die Väter bei dem ihnen befreundeten Director. „O," fügte der Mann seufzend hinzu, „wenn doch der Religionsunterricht nicht obligatorisch wäre! Die Herren sind schon um Dispensation ihrer Söhne eingekommen, aber der Director kann diese nicht dispensiren, weil keine anderweitige Gelegenheit, Religionsunterricht zu erhalten, vorhanden ist!" Was soll also die Petition bezwecken? Sie ist nur dazu angethan, die Minoritäten zu behelligen. Und selbst in Gemeinden einer Richtung — wie wenig wird damit gewonnen! Was haben denn jüdische KiNder an einem wöchentlich zwei - oder dreistündigen Religionsunterricht? Genügt das, um unsere heilige Sprache zu erlernen, um unsre heiligen Bücher in der Ursprache zu lesen, um den Kindern die jüdische Pflichtenlehre so zu eigen zn machen, wie es sein soll? Nein, es genügt nicht. Daher soll man für den Unterricht sorgen ohne staatlichen Zwang; denn zu einem ausreichenden Unterricht bietet doch der Staat seine Hand nicht. Nach all dem Gesagten sollte Niemand, welcher Richtung er auch angehöre, sich der in Rede stehenden Petition anschließen. Sollte sie dennoch an das hohe Haus der Abgeordneten abgehen, so wäre es geboten, dasselbe zu bitten, dieser Petition, die eineu Gewissenszwang involvire, keine Berücksichtigung zu Theil werden zu lassen, sondern über dieselbe zur einfachen Tagesordnung überzugehen. Da« Kleeblatt, Erzählung im „Lahrer hinkenden Boten", ' Jahrg. 1876. Das Judenthum hat sich über die Richtung des „Lahrer Hinkenden" noch nie zu beklagen gehabt, weil dieser in so bescheidenem Gewände auftretende Kalender weit über den Vorurtheilen steht, die von anderen Seiten den Juden gegenüber stets noch genährt werden. Wir muffen diesen Bestrebungen für Gleichheit und Duldung hohe Anerkennung zollen und dürfen sie selbst da nicht verkennen, wo zu weit gegangen und über das Ziel hinausgeschossen wird. In letzterem Fall wird uns der „Hinkende" jedoch erlauben, uns selbstständige, wenn auch von seiner Anschauung abweichende Ansichten zu wahren. So versetzt uns die Erzählung „des Kleeblatt" in ein Städtchen Thalheim — Utopien hieße es passender —, aus welchem die vereinten Bemühungen des jüdischen, evangelischen und kath. Seelsorgers ein Eden geschaffen habest, wie es unsere kühnsten Hoffnungen kaum von der Duldung der Zukunft zu erwarten haben. Die verschiedenen Glaubensgemeinschaften leben innig verbrüdert, ohne die Unduldsamkeit gegen einander auch nur dem Namen nach zu kennen. Wie unwahrscheinlich und daher unkünstlerisch es ist, dasjenige, dessen Vollendung Jahrtausende erforderlich macht, dem kurzen Wirken dreier Männer zuz»schreiben, scheint der Verfasier nicht gemerkt zu haben. Run würde eS sich wohl dadurch entschuldige» lasten, daß der Verfaster diesmal die Schilderung der Wirklichkeit, der Welt, wie sie ist, absichtlich der Darstellung edler Bemühungen und ihrer Folgen nach-