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Der Israelit · 1877-01-31 · Heft 5 (31.1.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 5 (31.1.1877)
Date
1877-01-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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103 wenigen Minuten den Geist aufgab. Der Beamte, welcher neben ihm saß und beinahe auch von dem «mherfliegenden Blei getroffen worden wäre, hatte mit dem geisteskranken Appel niemals etwas zu thun. Feuilleton. Prosrlytcu. Von Friedrich Rott. XXXVII. Zur bestimmten Zeit hatte der Commerzienrath mit seiner Familie die Heimreise angetreten, rur bestimmten Zeit konnte er feine so hochwichtigen Geschäfte, die seine Anwesenheit im M. so dringend gesondert hatten, erledigen und zwar mit enormem Gewinne. Doch hatte er keine Freude an diesem Gewinne. Still und bleich waltete Helene in seinem Hause; in Gegenwart Anderer war ihr Benehmen ihm gegenüber wie bisher, doch allein mit ihm duldete sie auch nicht die unbedeutendste Zärtlichkeit. Der alternde Mann verzehrte sich in Leidenschaft um die Frau, die seinen Namen trug, und ihn verachtete. Wer von beiden am meisten litt? — es wäre schwer zu sagen — hehr und rein stand das Bild des einzigen Mannes, den sie geliebt und den sie noch liebte mit jeder Faser ihres Seins, vor ihrem Auge — und er hatte sie nicht leichtsinniger Weise verschmäht; wer weiß unter welchen Qualen er der Pflicht gehorcht! Und wie sie den verachtete, an den sie gefesselt — zwar war sie in Wirklichkeit nicht an ihn gefesselt, denn sie betrachtete sich nicht als seine Gattin. Aber die Welt betrachtete sie als solche und sie wollte eS doch auch werden um jeden Preis die rechtmäßige Gattin des Vaters ihres Kindes. Mit rastlosem Eifer betrieb der Commerzienrath seine Geschäfte, um so bald als möglich Helene in's Ausland geleiten zu können, damit sie dort in Wirklichkeit zum Judenthum übertrete und sich auf's Neue ihm antrauen lasse. Glühend sehnte er diese Stunde herbei, denn er kannte Helenen's Pflichtgefühl; sobald sie sich als feine Gattin betrachten' mußte, würde sie selbst danach streben, Haß und Verachtung gegen ihn zu überwinden. Und so war es auch. Sie reisten nach A., wo ihr und ihres Kindes Uebertritt unter Leitung des RabbinatscollegiumS in gesetzlicher Weise stattfand, und ward nun in Wirklichkeit seine Gattin. Aber so rasch wie er gehofft, hatte er dieses nicht erreicht, denn bevor Helene zum Judenthum übergetreten, ließ sie sich in den Gesetzen und Lehren desselben unterrichten und war fest entschlossen, dieselben nimmer zu verletzen. — Und sie hielt Wort, wissentlich übertrat sie kein Gebot. Aber unablässig kämpfte sie gegen das eigene Herz, um das Bild zu bannen, das sie doch nicht bannen konnte. — O, sie litt unsäglich. — Eie, so rein, so pflichtgetreu, war doch nicht im Stande, den Gatten zu lieben, der ihre Achtung verscherzt, noch war sie im Stande Den zu vergessen, der für sie der Inbegriff alles Reinen und Edlen. Und wenn in ihrer Gegenwart Werners Name genannt ward, wie das in neuester Zeit nur allzuoft geschah, denn das Erstaunen, den Sohn des Grafen Staremberg im Hause des jüdischen BanquierS zu sehen, war allgemein, dann fühlte sie das Blut in ihre Wangen steigen und erröthete über ihr Erröthen. Alle Qualen verzehrender Eifersucht empfand der Commerzienrath in solchen Momenten, und doch hätte er sie noch öfter herbeiwünschen sollen; denn nie war Helene sanfter gegen ihn, als wenn sie sich selber wegen einer solchen Schwäche zürnte. Monate verstrichen; die allzuhäufige Erregung begann die Gesundheit des Commerzienraths zu erschüttern. Helene gewahrte es und besser als der Arzt erkannte sie den Grund des mehr und mehr um sich greifenden Uebels. Denn seit jenem Tage, der ihr die Augen geöffnet, war der Commerzienrath sichtlich gealtert. Ihr feinfühlendes Herz klagte sie an, er war ja doch ihr Gatte, der Vater ihres Kindes und liebte sie mit der Gluth eines Jünglings. Mochten auch die Motive, die ihn zuerst verleitet hatten, nach ihrer Hand zu streben, noch so unlauter gewesen sein, jetzt hätte sie ihr ganzes Vermögen rerliere» dürfen, er hätte sie darum nicht weniger begehrenswerth gefunden. Es war am Morgen, beide Gatten befanden sich am Frühstückstisch. Müdr lehnte der Commerzienrath in seinem Fauteuil und schien kein Verlangen nach Nahrung zu empfinden; besorgt schaute Helene in sein bis vor kurzem noch so wohlconfervirteS und jetzt so falten-eicheS Antlitz. Unwillkürlich mußte sie seiner steten Aufmerksamkeit gegen sie gedenken, seiner geradezu übertriebenen Sorge und Aengstlichkeit, wenn er auch nur die leiseste Unbehaglichkeit ihrerseits zu bemerken glaubte. Das Herz zog sich ihr zusammen und sie wünschte, um jeden Preis ihm zu helfen.

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