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Der Israelit · 1877-01-31 · Heft 5 (31.1.1877) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 5 (31.1.1877)
Date
1877-01-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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102 Commune Lipova kam man zum Juden Fraike Sin Avram. Dieser hatte die Thür verschlossen, weil seine Frau im Bette lag, ihre Entbindung .erwartend. Trotzdem erbrach man die Thür und wollte die Frau in diesem Zustande aus dem Dorfe schaffen. Nur dem energischen Einschreiten des Gutsbesitzers gelang es, die Elenden von ihrem Vorhaben abzubringen. Die Frau aber ist in Folge des ausgestandenen Schreckens gefährlich erkrankt, ihr Zustand ist momentan hoffnungslos. Ich könnte Ihnen noch viele solcher Fälle aufzählen, fürchte aber, Sie zu ermüden. Alles Protestiren war vergebens. Wenn man zum Präfecten mit einem Gesuche kam, nahm er die an dem Gesuche klebende Marke ab und gab sie dem Bittsteller mit dem Bemerken, es sei schade um's Geld, er werde doch nichts ausrichten. Für einige der Juden, die österreichisch-ungarische Unterthanen sind, protestirte der Jaffyer Consul; aber Herr Lupascu rechtfertigte seine Gräuelthaten durch ein „Gesetz", in welchem es heißt: „Fremde Individuen, die ohne jeden Erwerbszweig sind, sollen in den Dörfern nicht ausgenommen werden." Nun wohnen aber diese Juden auch schon jahrelang in denselben Dörfern, und jeder von ihnen ernährte sich redlich. Auch das Appelliren an das Ministerium blieb anfangs erfolglos. Endlich vorige Woche ffng dieses an, einigermaßen einzuschreiten. Es wurde ein Deligat ernanm, der den Sachverhalt untersuchen soll. Aber Herr Lupascu erwartete denselben in Bacau, fuhr mit ihm über Jassy nach einem Dorfe, wo es den Juden gelungen ist, den Primär durch Bestechung zu bewegen, daß er sie dort wohnen ließ, und der Herr Delegirte, überzeugt, daß Juden in den Dörfern wohnen, kehrte so heimlich, wie er gekommen, wieder zurück. Die 150 Familien, welche obdachlos umherirren, kümmerten ihn nicht. Die Juden, welche davon hörten, protestirten abermals bei dem Ministerium, und dieses versprach, eine andere Commission zu schicken. Bis zur Stunde ist dieselbe noch nicht angekommen. Bei denjenigen Juden, die noch hie und da in den Dörfern geblieben find, unterhält die Primarie eine Wache, die sie nicht heizen, Wasser holen u. dgl. m. läßt. Zum Schluffe will ich Ihnen noch eine Heldenthat unseres Herrn Präfecten erzählen. In den ersten Tagen seines Amtes ging er eines Tages in den Gaffen spazieren. Als er vor dem Schanklokale eines Juden vorbeikam, trat er bei ihm ein und fragte ihn, warum er das Local noch offenhalte, da 9 Uhr schon vorüber sei. Als der Jude ihm antworten wollte, versetzte ihm der Herr Prasset mit höchsteigener Hand einige derbe Ohrfeigen. (Es war noch nicht 9 Uhr und überhaupt keine Gäste im Locale.) Einige Tage darauf tractirte der Herr Präfect die alte Mutter dieses Juden auf offener Straße auf dieselbe Weise. Herr Lupascu soll die Aeußerung g"than haben, wenn es auch sein ganzes Vermögen kosten solle, so müsse er Präfect bleiben, und wenn der Lärm über die Austreibung der Juden aus den Dörfern ein bischen gestillt sei, werde die Reihe an die Stadtjuden kommen. NB. Soeben kommen wieder zwei Juden in die Stadt, die erst gestern weggejagt wurden. Des Einen Frau ist erst vor drei Tagen entbunden. (N. fr, Pr.) Zeitungsnachrichten 8f Correspondenzen. Deutschland. Aus Baden, 21. Jan. Das Städtchen Mosbach war am Freitag Abend — nach einer Mittheilung der „Heidelb. Ztg." — der Schauplatz eines schweren Verbrechens, vr. med. Ortlieb aus Heidelberg (Israelit) saß in Gesellschaft eines dortigen Beamten in einem Gasthause, als plötzlich ein Schuß durch's Fenster fiel, der Ersteren sofort tödtete. Der Mörder hatte es jedoch gar nicht auf den Getroffenen abgesehen, sondern auf den neben diesem fitzenden Beamten, von dem er vor Kurzem zu einer Gefängniß-Strafe verurtheilt worden war, und an dem er sich auf so furchtbare Weise rächen wollte. Karlsruhe, 23. Jan. Die verbrecherische That in Mosbach, die einen jungen, kenntnißreichen, allgemein beliebten und geachteten Arzt, einen Wohlthäter der Armen, das Leben kosten sollte, scheint ihre Veranlassung in einem andern Motiv zu haben, als dem Anfangs bezeichneten. Man hat es wahrscheinlich nicht mit einem Meuchelmorde, sondern mit der unseligen Handlung eines Irrsinnigen zu thun. Der Thäter, ein Schreiner Appel, war vor mehreren Jahren in den Heilanstalten Jllenau und in Pforzheim, von wo er entfloh, ohne dahin wieder zurückgebracht zu werden. Er trug längst einen Haß gegen alle Aerzte zur Schau, weil ein solcher nach seiner Idee ihm einmal in den Kopf geschossen habe (er soll einmal electrisirt worden sein). Dr. Ortlieb, der am Sonntag in Heidelberg beerdigt wurde, war von dem Schuß so unglücklich in den Kopf getroffen worden, daß er sofort zu Boden stürzte und nach

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