Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-01-31 · Heft 5 (31.1.1877) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 5 (31.1.1877)
Date
1877-01-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447701--13359-2469223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XVIII. Jahrgang. Erste Beilage zu tlr. 5 -es Israelit. Leitender Artikeln Die Zadeahkhea in Nnmüniea an- Serdien. i. Vaslui, 12. Januar. Sie verlangen von mir einen Bericht über die hier stattgehabten Judenhetzen; ich will hiemit Ihrem Verlangen entsprechen und Ihnen die von unserem Präfecten in Scene gesetzte Judenverfolgung ohne Uebertreibung schildern. Als das jetzige Ministerium an's Ruder kam und für die Kammer Neuwahlen ausgeschrieben wurden, setzte Herr Nepon Lupascu — Bruder jenes Lupascu, der im Jahre 1868 Juden in die Donau werfen ließ — alle Hebel in Bewegung, um als Deputirter in die Kammer zu kommen. Er setzte es auch durch, daß er hier im zweiten Wahlkörper gewählt wurde. Aber bald gelangte Herr Lupascu zu der Ueberzeugung, daß die Kammer nicht das Feld sei, wo er sich bei seiner Partei einen Namen erwerben könnte. Um dies zu erreichen, sah er ein, müsse er Juden verfolgen. Er wußte es beim Minister des Innern, Herrn Vernescu — dem der damalige Präfect Panopolu durch seine Mäßigkeit und wahren Liberalismus ohnehin mißfiel — durchzusetzen, daß er zum hiesigen Präfecten ernannt wurde. Nun schritt er an's Werk. Gleich bei seinem Amtsantritte ließ er sich von einem hier erscheinenden Winkelblättchen Namens Bocca Racovei, das von einem gewissen Paul Gorgos — einem seiner Getreuen — redigirt wird, auf alle bis nun im hiesigen Distrikte vorgekommenen Gesetzwidrigkeiten aufmerksam machen, mit der Aufforderung, denselben zu steuern. Daß den Juden der erste Platz in der schwarzen Liste eingeräumt wurde, ist selbstverständlich. Herr Lupascu suchte und fand in jedem Dorfe einen Nichtswürdigen, der gegen die dort ansässigen Juden mit der Klage auftrat, daß diese unter einem erborgten christlichen Namen Spirituosen verkaufen. In Folge dieser Anklage ließ Lupascu alle bei den Juden Vorgefundenen Getränke confisciren und die Schanklokale sperren. Die Getränke wurden nach einigen Tagen im Licitationswege verkauft, die Juden aber aufgefordert, eine gewisse Strafe zu erlegen, widrigenfalls sie eingesperrt würden. Herr Lupascu glaubte mit diesem Vorgehen die Juden zu zwingen, die Dörfer zu verlassen. Diese aber, von denen ein großer Theil in demselben Dorfe geboren, Andere 20 bis 30 Jahre in demselben wohnen, konnten sich nicht so leicht entschließen, ihren Heimathsort zu verlassen. Dieses paßte aber unserem Herrn Präfecten nicht. Er wollte die Juden nicht bloß ihres Nahrungszweiges berauben, sondern auch obdachlos machen. Er erließ daher Circuläre an alle Primäre, in denen er ihnen Vorwürfe macht, daß sie die ansteckende Krankheit (die Juden) — im Dorf duldeten. Von einem solchen Circulär, gezeichnet vom Sub-Präfecten Lasear Zion, besitze ich eine wortgetreue Abschrift. Dstaillirte Instructionen wurden jedem Primäre mündlich gegeben. Nun erhielt jeder Jude von seiner Primarie die Weisung, das Dorf binnen 12 Stunden zu verlassen. Da die Juden nicht gutwillig gingen, wurde Gewalt angewendet. Der Herr Präfect, zu dem sie um Hilfe schrien, stieß sie mit Hohn von sich. Die Juden wurden förmlich aus den Dörfern mit Stöcken hinausgehetzt. Es wurden ihnen, trotzdem daß damals eine starke Kälte herrschte, Fenster und Thüren eingeschlagen, ihre Habseligkeiten entweder zertrümMrt oder auf einen Ochsenwagen geladen und zum Dorfe hinausgeschafft. Auf das Gewimmer der vor Kälte zitternden Kinder und Greise wurde mit Gelächter und Stockschlagen geantwortet. Von den vielen vorgekommenen Barbareien will ich Ihnen nur diejenigen anführn, deren Wahrheit ich verbürgen kann. In Biraska Blasa Mislocu wurde ein fünfzigjähriger Schneider, Namens Uvram Jasif — trotz seiner Bitte, man möge ihm; eine kurze Frist gewähren — Nachts in der grimmigen Kälte auf einen Wagen geladen und zum Dorfe hinausgejagt. Derselbe starb auch gleich nach seiner Ankunft im Städtchen Kodoesci in Folge der Schläge und der Kälte. Aus der Commune Dulen Plasa Racova wurde der Jude Zalman Davids mit seiner Familie des Nachts hinausgejagt. Der Schlitten, auf dem man sie fortführte, wurde umgeworfen und sein einjähriges Kind dadurch erschlagen. Inder Commune Drosten Plasa Racova wurde eine Wittwe, Namens Hefe, mit ihren fünf Kindern überfallen, geschlagen, ihre Vorgefundenen Habseligkeiten dem Hauseigenthümer geschenkt, die Wittwe nebst ihren Kindern aber eine Meile weit von berittenen Leuten gejagt, so daß sie in Folge dessen gefährlich erkrankte. Ihr jetziger Zustand ist mir nicht bekannt. Inder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.