Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1877)
- Date
- 1877-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447701--13357-2469221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
99 Liese Lehre ist in der Bibel und im Talmud enthalten. Nun aber kann unsere Jugend nicht im Talmud studiren auS Mangel an Büchern. Unsere Lehrhauser stehen leer, weil unsere Männer und Jünglinge keine Bücher besitzen. Man trifft manchmal nur ein vollständiges Talmud-Exemplar in einer ganzen Stadt. Zehn Gelehrte müssen sich oft mit einem Buche behelfen, und die Gotteslehre ist in Gefahr, vergessen zu werden. Durchlaucht, die zweite Gnade, die ich erbitte, ist die, einen neuen Abdruck des Talmud veranstalten zu dürfen."" „Nein, das kann ich Ihm nicht gewähren! Was man mir vom Talmud erzählt hat, das sind gar schreckliche Dinge." „„Verzeihung, Durchlaucht, wer schreckliche Dinge vom Talmud erzählt, der kennt und versteht ihn nicht. Der Talmud verpflichtet den Juden zu treuer Anhänglichkeit für Fürst und Vaterland, er empfiehlt ihm Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit, Dienstfertigkeit und Liebe gegen alle seine Mitmenschen. Der Talmud lehrt, daß der Jude die Gesetze des Staates, in welchem er lebt, beobachten müsse gleich den Religionsgesetzen1 2 3 4), er befiehlt, auch die nichtjüdischpn Armen zu ernähren, die Kranken der Nichtjuden zu pflegen und ihre Todten zu begraben, wie Gott gütig ist Allen und sich erbarmt aller seiner Geschöpfes). Der Talmud verbietet, ungesetzliche Zinsen, selbst von Heiden zu nehmenb), er verbietet, selbst einen Heiden auch nur mit Worten zu täuschen*), geschweige denn mit Handlungen. Er lehrt.." „Halt Er ein, Behrend! Bin ich etwa nach Halberstadt gekommen, um eine Vorlesung über den Talmud zu hören? Er wird aber doch nicht leugnen wollen, daß im Talmud ganz alberne Fabeln stehen? So hat man mir erzählt, der Talmud lehre, Gott dürfe in der Welt nicht weiter als vier Ellen weit gehen! Ha, ha ha!'' Herr von Ruck und Bürgermeister Dietrich stimmten pflichtschuldigst in das Gelächter des hohen Herrn mit ein. Die Kurfürstin lachte nicht. „Mein Gemahl," sprach sie, „ich habe Leibnitz mit der größten Hochachtung von dem Talmud und den Rabbinen sprechen hören." „ „So?" " fragte der Kurfürst. „ „Rede Er, Behrend, steht solcher Unsinn im Talmud ßoder nicht?"" „Er steht nicht darin, Durchlaucht?" „„So hat man mich belogen?" 1) Baba Kama 113. 2) Gittin 61. 3) Baba Mezia 70. 4) Cholin 94. „Nicht doch, Durchlaucht, man hat nur den Talmud nicht verstanden. Das Studium des Talmuds bietet für denjenigen, welcher nicht von Jugend ans dazu angehalten wird, ungeheure Schwierigkeiten. Nichtjüdische Gelehrte meinen, sie könnten den Talmud lesen, wie sie den Cicero oder den Homer lesen, nachdem sie sich die Sprache Homer's oder Cicero's zu eigen gemacht. Aber ich fürchte. Euer Durchlaucht möchten..." „Red' Er ungenirt!" „„So will ich mich darauf beschranken, jenes Mißverständniß aufzuklären. Jener Satz des Talmuds hat den Sinn: es giebt in der Welt kein Gott wohlgefälligeres Werk als das Forschen iu der Gotteslehre zu dem Zweck, um die religiöse Praxis zu bestimmen. Die religiöse Praxis heißt in der Sprache des Talmuds: Halachah, wörtlich das Wandeln, das Wandeln nämlich in Gottes Wegen. Um ein kleines Studirzimmer zu bezeichnem bedient sich der Talmud der Bezeichnung: vier Ellen, weil das wohl der kleinste Raum ist, in dem der Mensch ungenirt studiren kann; der Ausspruch des Talmuds lautet wörtlich: Der Heilige, gelobt sei Er, hat nichts in seiner Welt — so gern nämlich — wie die vier Ellen der Halachah. Daraus haben Unkundige jene Ungeheuerlichkeit gemacht, die man Eurer Durchlaucht berichtet."" „,,Das ist merkwürdig! Nun, meinetwegen, laß Er auch den Talmud drucken! Aber nun hat Er immer noch nichts für sicherbeten. Oder wird Er viel dabei gewinnen, wenn Er den Talmud neu herausgibt?" Rabbi Bärmann lächelte. ,„,Kurfürstliche Gnaden,"" sagte er, „,,es wird viel kosten und wenig eintragen."" „Er ist der merkwürdigste Jude, der mir jemals vorgekommen. Will Ec denn nicht reich werden?" „„Der Talmud lehrt: Wer ist reich? der mit seinem Antheile zufrieden ist."" „ Hat nicht," fragte die Kurfürstin, „der Talmud eine ähnliche Sentenz über das Heldenthum? Ich erinnere mich, etwas Aehnliches einst von Leibnitz gehört zu haben." „„Der Talmud lehrt: Wer ist ein Held? Derjenige, welcher seine Leidenschaften bezwingt."" „„Das ist schön, sehr schön," rief der Kurfürst. „Lasse er also den Talmud drucken. Und nun werde ich Ihn nicht zum dritten Male fragen, welche Gnade er will, sonst verlangt Er am Ende, ich solle für die Jaden Jerusalem erobern. Ich will Ihm selber eine Gnade bestimmen. Er hat muthig genug, wie ein Cavalier, das Unthier des Generals von Marwitz bekämpft. Der General