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Der Israelit · 1877-01-24 · Heft 4 (24.1.1877) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 4 (24.1.1877)
Date
1877-01-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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83 schaute in das über ihn geneigte Antlitz des Vaters. „Gute Nacht, Papa!" flüsterte er schlaftrunken; aber dennoch hob er das Köpfchen und bot die Purpurlippen dem Vater zum Kusse. Der Graf preßte ihn an sich in wildem, verzweiflungsvollem Weh, dann stürzte er hinaus und eilt in sein Arbeitszimmer. Das Kästchen mit den Pistolen stand noch auf derselben Stelle — er öffnete es und prüfte sorgfältig die Läufe; sie waren geladen. „Gleich ," murmelte er, „gleich," und schob schaudernd das Kästchen zurück. Dann trat er zu n Schreibtisch, nahm einen Bogen Briefpapier rmd wollte schreiben; doch seine Hand vermochte die Feder nicht zu halten. — Endlich gelang es ihm, diese Schwäche zu überwinden und er begann: „Leo! theurer Freund! Bruder! An den Bruder meiner unvergeßlichen Hermine richte ich diese Zeilen — wenn Sie sie erhalten, Leo, so ist die Hand, die sie geschrieben, bereits erstarrt. — Ich hätte so gern die Ihre noch einmal gedrückt; doch es konnte nicht sein. Ich hätte mein Vorhaben Ihnen nicht verheimlichen können und Sie mit Ihren Anschauungen hätten es nimmer gebilligt, und doch — mir bleiot keine Wahl. Leben Sie wohl, Leo! ich scheide — und lasse scheidend Ihnen das einzige Kleinod, das mir geblieben , um das Sie so oft im Namen der Verstorbenen mich angesprochen. — Nehmen Sie ihn, Leo, nehmen Sie meinen Sohn und erfüllen nun auch Sre die letzte Bitte Ihrer sterbenden Schwester. — Erziehen Sie ihn und möge er einst Ihnen gleichen, so ist der letzte Wunsch seines Vaters erfüllt. — Seltsam, nie im Leben war ich zu Derartigem geneigt — und jetzt im Anblick des Todes, ich weiß .nicht was es ist, aber ein Etwas flüstert's mir zu: „es hat Alles so, gerade so kommen müssen, damit Herminens letzter Wunsch sich erfülle." — Bis hierher hatte er geschrieben,' als die Thür mit einem Mal hastig aufgerissen wurde und Derjenige, an den der Brief gerichtet war, in's Zimmer stürzte. „Gott sei Dank!" rief Leo, als er des Grafen ansichtig ward, „Gott sei Dank! daß ich Sie treffe." Der Graf erhob sich in sichtlicher Verwirrung und reichte ihm die Hand. „Seien Sie willkommen," sprach er mit erzwungener Ruhe. Doch Leo's Auge ruhte forschend auf den bleichen, verstörten Zügen des ihm Gegenüberstehenden. „Baron W. erzählt mir soeben, daß Ihnen bei L...S unwohl geworden — gegen Mittag erhielt ich die Nachricht von dem H... scheu Falliment. — Sie sagten mir einst, daß Sie einen Theil Ihres Vermögens dort deponirt —" „„Den letzten Rest,"" murmelte der Graf, indem er an der Sessellehne eine Stütze suchte. Leo sah ihn wanken. „Um Gotteswillen, Arthur, was ist Ihnen? — was haben Sie gethan? — was wollen Sie than? —" Doch ihm ward keine Antwort; schweigend schaute der Graf zu Boden. „Arthur " drängte Leo, „ich beschwöre Sie, was haben Sie vor? — Sie reden nicht. Sie haben kein Vertrauen zu mir? —" Statt der Antwort reichte ihm der Graf den soeben begonnenen Brief. Leo nahm ihn und las die mit zitternder Hand geschriebenen Zeilen und auch seine Hand bebte. Dunkele Rothe überzog sein Angesicht, er athmete tief auf, als wäre seine Brust von einer schweren, lange empfundenen Last befreit. „Arthur," sprach er, indem er die herabhängende Hand des Andern mit Wärme drückte, „nehmen Sie meinen Dank, meinen innigen, tiefempfundenen Dank und die Versicherung, daß ich es als die Aufgabe meines Lebens betrachten werde, Ihren und Hermmens Wunsch zu erfüllen." Schweigend erwlederte der Graf den Händedruck des Freundes, schweigend stunden beide einander mehrere Minuten gegenüber und schauten einander in die erregten Züge. „Arthur," begann Leo endlich von Neuem, „Sie übergeben mir hiermit das ausschließliche Verfügungsrecht über Ihren Sohn?" „„Das ausschließliche Vecfügungsrecht," ' bestätigte der Graf mit schmerzlichem Seufzen. „Und wird kein Mensch es mir streitig mrchen können?" „„Keiner."" „Und werden Sie selbll Ihren soeben ausgesprochenen Wunsch ne zurück nehmen? ' Der Graf schaute ihn überrascht an. ..„Haben Sie meinen Brief nicht verstanden?"" „Doch. doch. ich habe ihn verstanden, aber trotzdem ersuche ich Sie. sprechen Sie es aus. geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie die mir gewordene Aufforderung nie zurücknehmen werden." „„Sie sind ein sonderbarer Mensch; doch da Sie es wünschen, so nehmen Ste mein Ehrenwort,, ich werde nie mein Kind zurückverlangen"" „Dank, Arthur, Dank. Sie sind ein Ehrenmann, ich baue auf Ihr Wort." „„Und nun,"" fuhr er nach einigen Augenblicken Schweigen fort, „„gewähren Sie mir, ich bitte Sie darum, einen klaren Einblick in Ihre Verhältnisse.""

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