Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1877)
- Date
- 1877-01-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Stunden verstrichen in trübem, verzweiflungsvollem Sinnen; kein Ausweg zeigte sich ihm. Unwillkürlich fiel sein Blick auf ein längliches Kästchen; langsam streckte er seine Hand danach und nahm es — langsam, bebend öffnete er es — ein paar doppelläufige Pistolen wurden sichtbar. Sein Antlitz ward noch bleicher; er fühlte, daß das Haar sich ihm emporsträubte. — Da vernahm er Kinderschritte im Vorzimmer, das kindlich frohe Lachen seines Söhnchens drang an sein Ohr und schaudernd warf er den Deckel des Kästchens in's Schloß und schob es zurück. Nein, nein, nicht feige, nicht ohne Kampf wollte er unterliegen; er wollte Alles aufbieten, Alles versuchen, vielleicht gab es doch noch Hilfe. Mit zitternden Händen ordnete er seine Toilette und eilte fort. Er wollte zu seinem Rechtsanwalt , der seine Verhältnisse kannte und sein Vertrauen besaß; mit ihm wollte er berathen, ob denn gar keine Rettung möglich. Doch im Bureau des vi. Müller erfuhr er, daß dieser verreist und erst in der kommenden Woche heimkehren werde. Das war ein Schlag für den Verzweifelnden, der im Moment Hilfe heischte. Was sollte er beginnen? — sollte er an Freunde sich wenden, sie um ein Darlehen ansprechen, das wenigstens aus der drückendsten Verlegenheit des Moments ihn befreite? — Doch sein Stolz und sein Rechtlichkeitsgefühl duldeten es nicht, daß er Darlehen aufnahm, ohne die Möglichkeit zu sehen, sie zurück zu erstatten. Den Hut tief in die Stirn gedrückt, irrte er planlos in den Straßen umher; wie lange? er wußte es selbst nicht. Da fühlte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter und hörte seinen Namen nennen. Erschreckt blickte er auf und fand sich einem Bekannten gegenüber, der sich heiter plaudernd ihm anschloß Wovon der Andere sprach und was er antwortete, er wußte es nicht. Sie waren eine Strecke gegangen; es dunkelte bereits, als der Andere den Vorschlag machte, in ein adeliges Spiellokal einzutreten, an dem ihr Weg sie vorüberführte und wo sie sicher waren, Bekannte zu treffen. Staremberg fuhr zusammen; es war ihm als zeige sich ihm der Ausweg, nach dem er den ganzen Tag vergebens gesucht. Das Spiel, in dem er den weitaus größten Theil seines Vermögens verloren; jetzt im Moment der größten Gefahr konnte es möglicherweise doch zur Rettung für ihn werden. — Und dann, er konnte ja auch vernünftig spielen; er pflegte ja stets bei Beginn des Spieles zu gewinnen, um erst im weiteren Verlauf desselben oft das Zehnfache seines Gewinnes zu verlieren. Aber heute, wo Alles auf dem Spiele stand^ heute wollte er besonnen handeln. Nur auf eine Viertelstunde, erklärte er dem Gefährten, könne er ihn in das Spiellokal begleiten; dann aber müsse er heim, er werde erwartet. Sie traten in das erwähnte Lokal; ein Kreis hochadeliger Freunde war hier bereits beim Spiele' versammelt. Graf Staremberg zog seine letzten Goldstücke aus der Tasche und legte sie auf den Tlsch. Er befand sich in furchtbarer Erregung; seine bleichen Lippen bebren, doch erwartete er mit Zuversicht, er werde, wie immer, so auch heute bei den ersten Sätzen gewinnen; dann aber wollte er sich sogleich entfernen; er konnte es, er hatte es doch im Voraus erklärt. Doch das Spiel begann und schon nach wenigen Minuten hatte der Graf seinen letzten Ducaten verloren — es ward Nacht vor seinen Augen. „Um Gotteswillen, staremberg, was ist Ihnen?" riefen theilnehmend einige Freunde. „„Es ist hier entsetzlich schwül;"" stammelte er, den Lschweiß von der kalten Stirn sich trocknend, „„ich muß hinaus in's Freie,"" fügte er hinzu, indem er sich mit Anstrengung erhob. Die Kameraden wollten ihn nicht allein fortlassen, einige begleiteten ihn hinunter auf die Straße und wollten ihn bis zu seiner Wohnung geleiten; doch als sie einen leeren Fiaker trafen, gaben sie semem dringenden Ersuchen nach und ließen ihn allein. Sie meinlen, er werde nun heimfahren doch er besaß im Moment nicht einmal das Geld, den Wagen zu bezahlen und langsamen Schrittes schwankte er dem stolzen Palais seiner Wohnung zu. — War es denn noch sein, das hohe Prachtgebäude? - war sein noch der Teppich, auf dem sein Fuß jetzt schritt? — Er fragte nach seinem Kinde; es war bereits zur Ruhe gebracht. Ob es schlief? Leise öffnete der Graf das Kindeszimmer und trat ein. Der Kleine schlummerte, auf dem Tische brannte die Nachtlampe. Der Graf zog den Schirm zurück, und der volle Schein des Lichtes fiel auf den jugendlichen Schläfer. Der Vater trat zum Bette und schaute lange, lange in das hol e Antlitz seines Kindes. — Es war schön, wunderbar schön — in jedem Zuge das Ebenbild seiner früh verstorbenen Mutter. „Hermine," flüsterte der Graf, „jetzt wird dein Wunsch erfüllt — aber so — so — hast du es nicht gehofft — und doch hast du die Ahnung ausgesprochen, ich würde schließlich nachgeben." Er neigte sich über das Kind und wollte leise einen Kuß auf die Stirn desselben hauchen; doch eine Thräne fiel darauf. Erschreckt öffnete der Kleine die Augen und