Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1877)
- Date
- 1877-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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75 „„Euer Kurfürstlichen Durchlaucht unterthänigster Diener und Schutzjude Behrend Lehmann."" „Ha, der kühne Bärentödter! Wie konnte er sich unterstehen, sich selbst Recht zu nehmen?" „„Durchlaucht, der Weg nach Berlin ist weit. Bis der Bericht hin und her gekommen wäre, hätte der Bär noch mehr Menschen tödten können."" „Pah, es war ja nur ein Judenkind!" „Mein Gemahl," sprach jetzt die Kurfürstin, die auf dem Divan faß, „auch die Seele eines Judenkindes ist eine Monade, in der sich das Weltganze spiegelt." „„Durchlaucht sind eine Schülerin des großen Leibnitz," wagte Rabbi Bärmann zu bemerken. „Was weiß Er von Leibnitz?" „„Als ich in Hannover lebte, hatte ich das Glück, von ihm in der Mathematik unterrichtet zu werden."" „Er ift ja ein ganz merkwürdiger Jude. Nun, weil er so geschickt im Schachspiel ist und sogar die Leibnitz'sche Philosophie kennt, sei Ihm die Strafe für Seine Eigenmächtigkeit in Gnaden erlassen. Er kann gehen." „„Empfangen Kurfürstliche Gnaden meinen herzlichsten Dank. Da ich aber einmal das Glück habe, meinen allergnädigsten Landesherrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so möchte ich mir die Gnade erbitten, noch etwas vortragen zu dürfen."" „Rede Er." „„Euer Durchlaucht höchftseliger Herr Vater hatte es zur Aufgabe seines Lebens gemacht, Kurbrandenburg zum ersten deutschen Staate zu erheben. Schon ist der Brandenburgische Adler an die Ufer des Rheins geflogen und hat Besitz genommen von der Clevischen Erbschaft, ganz Europa zum Trotz; dann ift er hingeflogen an die Ufer der Ostsee und hat den Schweden einen großen Theil deutschen Landes wieder entrissen. Der glorreiche Sohn des ruhmgekrönten Vaters wird gewiß gerne die Gelegenheit ergreifen, deutsches Land zu erwerben, zumal, wenn dies einfach auf dem Wege des Rechts, ohne Gewalt, ohne Vchwerrschlag, ohne die Schrecken des Krieges errungen werden kann." „Was schwätzt der Jude? Wo will das hinaus? Will Er mich zum König von Jerusalem proclamiren?" „„Kurfürstliche Durchlaucht, das steht nicht in meiner Macht. Aber ich möchte Eurer Durchlaucht Länder anbieten, die von Eurer Durchlaucht Stammlanden nicht soweit entfernt liegen, die Allerhöchstdero Staaten arrondiren; ich biete Eurer Durchlaucht zum Kaufe an die Fürstenthümer Wettin und Quedlinburg, die beiden Städte und alle dazu gehörigen Ortschaften, Waldungen, Herrschaften, kurz mit allen Dependenzen."" „Ruck," rief der Kurfürst ängstlich, und fügte dann in französischer Sprache hinzu: „Meinst Du nicht, daß der Jude verrückt ist?" „„Durchlaucht"", antwortete der Präsident von Ruck in derselben Sprache, „„mir scheint der Mann sogar sehr vernünftig zu sein?"" „Und was meint meine kluge Gemahlin?" „„Ich merke an der Miene dieses Mannes."" sagte die Kurfürstin auf Deutsch, „„daß er verstanden, was mein Herr Gemahl soeben gesprochen. Wer bei Leibnitz Unterricht in der Mathematik genossen, der wird auch dessen Rouvsaux Lssaiss*) im Originale gelesen habrn." Rabbi Bärmann verneigte sich vor der Kurfürstin. „Die Weisen deS Talmuds," sagte er auf Französisch, „lehren, daß die Damen für die Erkenntniß ganz besonders beanlagt find." „„Er ist ja ein Jude, wie ich noch keinen gesehen,"" rief der Kurfürst. »„Und nun sag Er mir, wie kann Er über Wettin und Quedlinburg verfügen?"" ^Kurfürst»-tze Gnaden, der polnische Thron ist vacant..." „„Ha, jetzt verstehe ich, mein Vetter August von Sachsen will die Königskrone erringen, will „Majestät" angeredet werden! Majestät! es ist auch gar zu schön und ein Opfer werch."" „Aber Seine Durchlaucht von Sachsen," bemerkte die Kurfürstin, „ift ein protestantischerHerr 1" „„Durchlaucht verzeihen,"" entgegnete Rabbi Bärmann, „„wahrscheinlich ist heute schon aus dem protestantischen Herrn ein katholischer geworden. Der Cardinal von Sachsen-Zeitz ist feinem Vetter mit seinem Beispiele vorangegangen."" Tiefe Stille herrschte im Saale. Die Nachricht wirkte erschütternd, Kursachsen, seit dem Entstehen des Protestantismus der Hort der Lutherischen Kirche! Der Kurfürst sprang von feinem Sitze auf; die Kurfürstio trocknete eine Thräne. Ruck und Dieterich standen betrübt und in sich gekehrt da. „Durchlauchtigster Herr!" wagte Rabbi Bärmann die Stille zu unterbrechen, „von heute an ist Kurbrandenburg der Hort und Vorkämpfer des i protestantischen Deutschlands," Der Kurfürst sah den Juden mit großem Erstaunen an. Dann wandte er sich an seine Gemahlin und sagte in französischer Sprache: *) Neue Versuche über das menschliche Erkennen. Eins der vorzüglichsten der philosophischen Werke L.'S.