Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1877)
- Date
- 1877-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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74 solcher Vertrag ist weder von Frankreich noch von England unterzeichnet worden. England. London. Im Hofraum deS Horfemonger» laue» Gefängnisses zu London wurde am 2. Januar Früh Isaak Marks, der polnische Jude, der vor einigen Monaten einen Glaubensgenossen, Namens Frederick Barnard, auf offener Straße erschossen hatte, durch den Strang hingerichtet, nachdem ein von der Londoner jüdischen Gemeinde eingereichtes Gnadengesuch, das sich hauptsächlich darauf stützte, daß Marks an Geisteszerrüttung leide, vom Minister des Innern abschlägig beschieden worden. Der Delinquent schritt schlotternd und todtenblaß zum Schoffot, begleitet von zwei Rabbinen im Amtstalar. Da Marks von sehr leichter Statur war, brach ihm der jähe Fall nicht das Genick, und der Todeskampf dauerte mehrere Minuten. Kurz vor seinem Ende empfand er tiefe Reue über sein Verbrechen und bat seine geistlichen Beistände, der Familie des Ermordeten mitzutheilen, wie tief es ihn schmerze, sie ihres Ernährers beraubt zu haben. Feuilleton. Prr Königliche Resident. (Eine historische Erzählung.) VI. Als Rabbi Bärmann erwachte, fielen die Sonnenstrahlen hell und freundlich durch die vergitterten Fensterscheiben seiner Zelle. Er sprang auf, wusch sch und beeilte sich Tevhillin anzulegen und das Morgengebet zu verrichten, damit er die Zeit des Schema nicht versäume. Kaum hatte er das Gebet vollendet, als er das dumpfe Getön jubelnder Stimmen vernahm. Was hatte das zu bedeuten? Der Kerkermeister erschien, um ihm das Frühstück zu bringen. „Herr Jude", sagte derselbe, „eine hohe Ehre ist soeben unserer Stadt widerfahren. Seine Kurfürstlrche Durchlaucht nebst Allerhöchstdessen Gemahlin sind zum Besuche hier eingeiroffen." „„Gott sei Dank"", rief der Gefangene, „„ich bin gerettet! Jetzt gebietet ein Höherer als der General von Marwitz! Hier, i, ein Freund, habt Ihr etwas für die freudige Botschaft." Er reichte dem Kerkermeister einen Dukaten. „Danke schön," rief der Beschenkte. „Ach, Herr Jude, wenn Ihr und Euresgleichen doch öfters ins Loch kämen, da wäre es ein Vergnügen, Kerkermeister zu sein! So aber kömmt lauter Lumpengesindel!" Rabbi Bärmann lachte. „Ich danke für den freundlichen Wunsch," sagte er. „Wann Ihr mir die Thüre zur Freiheit öffnet, bekommt Ihr noch einen Dukaten. Aber dann hoffe ich, Euch niemals wieder zu sehen." Schon nach einer Smnde erhielt der Kerkermeister den versprochenen zweiten Dukaten; Rabbi Bärmann durfte nach Hause gehen. Um 2 Uhr Nachmittags sollte er vordem Kurfürsten erscheinen. Welche Freude bei seinen Familiengliedern sowie bei den anderen Israeliten Harberstadts das Erscheinen Rabbi Bärmann's erregte, läßt sich nicht beschreiben. Aber in die Freude mischte fick die Sorge.' Wie wird der Kurfürst das eigenmächtige Verfahren des Juden einem General und Feftungs-Commandanttn gegenüber aufnehmen? „Seid ohne Sorge", sagte Rabbi Bärmann, „der Kurfürst wird mich nicht hängen lassen; im schlimmsten Falle werde ich eine Geldstrafe zu zahlen haben." Kurz vor zwei Uhr begab er sich in die Wohnung des Oberbürgermeisters, wo der Kurfürst Aufenthalt genommen hatte. Herr Dieterich führte ihn selbst in den Salon. Der Kurfürst saß mit dem Präsidenten von Ruck an einem kleinen Tische und iprelte Schach. Der hohe Herr, in das Spiel vertieft, sah nicht auf, als der Jude eintrat, und dieser verharrtem ehrerbietigem Schweigen, das Spiel aus der Ferne aufmerksam beobachtend. Endlich sprang der Kurfürst auf und rief: „Matt, verloren!" „Verzeihung, Kurfürstliche Durchlaucht," wagte Rabbi Bärmann zu bemerken, „das Spiel ist noch nicht verloren. Die Partie wäre noch zu gewinnen!" Der Kurfürst sah den Sprecher von oben bis unten an; dann warf er einen prüfenden Vlick auf das Schachbrett und rief: "Wer die Partie noch gewinnen kann, der kann mehr als Brod essen! Setze Er sich her und spiel' Er weiter." Rabbi Bärmann nahm des Kurfürsten Stuhl ein, und bald hatte er alles um sich her vergessen, nur den Schachfiguren seine Aufmerksamkeit schenkend. Er that einen überraschenden Zug, der > Präsident von Ruck, durch die ihm neue Spiel-! weise überrascht, gerieth in Verwirrung und that einen falschen Zug. Sofort bot Rabbi Bärmann Schach und setzte matt. Des Kurfürsten Steine hatten gewonnen. „Er ist ein feiner Schachspieler", sagte der Kurfürst, , wer ist Er?"