Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1877)
- Date
- 1877-01-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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52 er doch ihr Gatte, der Vater ihres Kindes. — O — es war entsetzlich! — ES ward mit einem Mal Nacht vor ihren Augen, ein lautes Rauschen tönte vor ihren Ohren — sie hatte noch so viel Besinnung, das Kind auf des Vaters Knien gleiten zu lassen, dann brach sie bewußtlos zusammen. Der Commerzienrath schrie laut auf, setzte das Kind auf die Erde und warf sich neben die Ohnmächtige, die er durch Besprengen mit kaltem Wasser und durch Reibungen so wie durch die zärtlichsten Schmeichelworte zu erwecken sich bemühte. Er war außer sich, denn wenn auch Habsucht ihn verleitet hatte, nach ihr zu streben, längst liebte er sie mit einer an Wahnsinn grenzenden Leidenschaft. Mit einer Behutsamkeit, einer Gewandtheit, die man dem sonst ziemlich schwerfälligen Manne kaum zugetraut, hob er sie vom Boden, legte sie vorsichtig auf's Canapee und bemühte sich auf's Neue, durch Reibungen mit stärkenden Essenzen sie zu erwecken. Endlich gelang es; sie schlug die Augen auf — doch kaum fiel ihr Blick auf den Commerzienrath, der sich ängstlich besorgt über sie neigte, als sie sie schaudernd wieder schloß. „Helene", flehte er, indem er sich verzweiflung-voll vor ihr niederwarf, „Helene, habe Mitleiden mit mir^ — Du verachtest mich — Du kannst meinen Anblick nicht ertragen, und ich — ich liebe Dich bis zum Wahnsinn." Sie öffnete die Augen wieder, sie zwang sich den Abscheu, den er ihr einflößte, zu überwinden. — Sie versuchte, sich aufzurichten; er beeilte sich, sie zu stützen — sie wehrte ihm nicht, aber sie preßte die bleichen Lippen fest aufeinander und eS gelang ihr, jede- Zucken zu vermeiden. Jetzt stand sie aufrecht da, am Tische sich stützend. „WaS wünschest Du, meine liebe theure Helene, ich bitte Dich um GotteSwillen, sage eS mir. Soll ich Susanne und die Andern rufen, daß sie Dich zu Bette bringen?" Sie schüttelte da- Haupt. „„Ich will Vorbereitungen zur morgigen Abreise treffen", erwiederte sie mit heiserer tonloser Stimme. „Um Gotteswillen, Helene, denk doch setzt daran nicht, Du bist krank, Du bedarfst der Ruhe. „Mag daraus entstehen, was da wolle; was kümmert es mich, wenn es sich um Deine Gesundheit handelt." „„Ich dachte, es handele sich um Deine Ehre,"" versetzte sie und ein höhnisch verächtliche- Lächeln spielte um ihre Lippen. „O, Du bist unbarmherzig", stöhnte er. Sie versuchte, einen Schritt zu gehen, die Füße versagten ihr den Dienst, sie mußte sich setzen. Der Commerzienrath zog die Glocke, Susanne erschien. „Bringen Sie die Kleine der Wärterin," befahl er. „Und dann komme zurück, ich habe Dir einige Aufträge zu ertheilen", fügte Helene hinzu. Aber ihre Stimme war so matt, daß Susanne voll Schrecken auf sie blickte und sich eiligst mit dem unruhig gewordenen Kinde entfernte. „Helene," flehte der Commerzienrath, „gilt mein Wunsch, meine Bitte Dir denn gar nichts mehr? Ich bitte Dich inftändigst, lege Dich nieder." Sie schüttelte abermals den Kopf. „Ich werde packen lassen." Susanne trat wieder ein. Helene ertheilte ihr die erforderlichen Aufträge und kopfschüttelnd sowohl über den plötzlichen Aufbruch als über das kranke Aussehen ihrer Gebieterin entfemte sich das treue Mädchen. Erschöpft lehnte die unglückliche Frau im Fauteuil, während ihr Gatte mit unruhigen hastigen Schritten das Zimmer durchmaß. Angstvoll haftete sein Blick auf ihr, vergebens bemühte er sich, dem ihrigen zu begegnen Endlich schaute sie auf; er glaubte, es als günstiges Zeichen nehmen zu dürfen und setzte sich ihr gegenüber. "Helene", bat er. „willst Du mich anhören?" Sie schien seine Frage zu überhüren. „Sage mir," sprach sie tonlos, „ist eine eheliche Verbindung zwischen Christen und Juden zulässig?" Er athmete tief auf. „Die Frage ist nicht so rasch beantwortet, in den verschiedenen Staaten ist das verschieden." „„Das weiß ich, das weiß ich,'"' fiel sie ein. „„in dem unfern ist die Mischehe nicht gestattet, aber ich frage ob eine von den Kirchen sie anerkennt?"" Er zuckte die Achseln. „Ich glaube es nicht", fuhr sie mit Anstrengung fort „und hast Du wohl bedacht, wie das Berhältniß heißt, in dem wir leben? — Coneubinat", stieß sie zisch end hervor, „und mein Kind ist ein Bastard." „Helene, um Gotteswillen, wie kannst Du so Entsetzliches reden!" „ „Meine Worte findest Du entsetzlich — wie soll ich Deine Thaten nennen? Unterbrich mich nicht," " fuhr sie fort, als er Einwendungen machen wollte, „„unterbrich mich nicht, denn Deine Worte haben keinen Werth für mich, mein Vertrauen zu Dir ist dahin — Du hast mich unsäglich unglücklich gemacht dadurch, daß Du mir die Achtung vor dem Vater meines Kindes geraubt hast — von dem Andern will ich gar nicht reden. —Du