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Der Israelit · 1877-01-17 · Heft 3 (17.1.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 3 (17.1.1877)
Date
1877-01-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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51 es war zu spät — Helene schien reden zu wollen, doch die Sprache versagte ihr — sie stützte den Arm auf den Tisch und mit der Hand die wild pochenden Schläfen-; ein leises Zittern durchzuckte ihren Körper. „Um GotteSwillen, liebe theure Helene, nimm Dir die Sech; doch nicht gar so zu Herzen!" bat der Commerzienrath. Sie fuhr auf, ihr Blick traf ihn, forschend, durchbohrend. „Anton," stammelte sie, „Anton." „„Was wünschest Du, Geliebte?"" fragte er zärtlich und wollte die Hand auf ihre Schulter legen. Sie wicb zurück als habe ein Reptil sie berührt, aber ihr Blick haftete noch auf ihm, noch forschender, noch durchbohrender — er vermochte ihn nicht zu ertragen diesen Blick, und senkte den seinen. „Anton", fuhr sie mit bebender Stimme fort, — „das hast Du auch ihm gesagt — und das war der Grund — daß er — daß er —" Verlegen nie ein auf Abwegen ertappter Schulknabe stand der Commerzienrath da und versuchte umsonst den Blick zu ihr zu erheben. „Ich verstehe . Dich nicht, liebe Helene, ich habe in Wirklichkeit keine Ahnung, von wem Du sprichst." Ein verächtlicher Zug kräuselte ihre bleichen Lippen; als wäre plötzlich eine Binde von ihren Augen gesunken, so erkannte sie den Mann, den sie als Gatten geehrt. „Ich spreche von ihm," fuhr sie fort, „von Leo — Werner —" Es war das erste Mal seit jenem entsetzlichen Tage, daß sein Name über ihre Lippen kam und hohe Glüth überzog mit einem Mal ihr bisher geisterbleiches Antlitz. „Damals, als er bei Dir um meine Hand anhielt, da hast Du ihm das gesagt." „Dazu hielt ich mich verpflichtet", murmelte der Commerzienrath gleichfalls erröthend. „Das warst Du auch", entgegnete sie hastig, „aber warum hast Du es mir verschwiegen, mir?" „Ich wußte, daß es Dich erregen würde, ich wollte Dich schonen."" „Das ist nicht wahr!" schrie sie heftig, und mit jedem Wort steigerte sich ihre Aufregung, „nicht aus Schonung verschwiegst Du es mir, aber Du wußtest, wenn Du es mir gesagt hättest, wäre ich in Wirklichkeit zum Judenthum übergetreten und wäre Werner's Frau geworden. — Aber Du — Du — Elender! — ihn hast Du verleumdet, den Edlen, Reinen, als habe er nur aus Habsucht nach meiner Hand gestrebt, während Du, Du selbst aus gemeiner Habsucht mich um mein Glück betrogen. O! O!" „Helene," stammelte der zerknirschte Mann, „ich habe gefehlt, schwer gefehlt - aber, aber, ich schwöre es, nur aus Liebe zu Dir — ich vermochte die Trennung von Dir nicht zu ertragen — verzeihe mir!" Demüthig wollte er ihr nahen, sie wich voll Abscheu zurück. „Rühr mich nicht an," flüsterte sie, „ich verachte Dich." Wie vom Schlage getroffen, taumelte er zurück; er schien in den wenigen Minuten um Jahrzehnte gealtert. Die kleine Frida, ein lebhaftes aufgemuntcrtes Kind, hatte dem Wortwechsel der Eltern voll Aufmerksamkeit gelauscht; wie ein Vögelchen wandte sie das zierliche Köpfchen unablässig von Einem zum Andern; und die großen schönen Augen schauten fragend in die erregten Züge Beider. Ein heftiges Zittern hatte Helene befallen; sie schien kaum im Stande, das Kind zu halten. Angstvoll näherte sich der Commerzienrath. „Gib mir die Kleine", bat er, „sie könnte Dir entgleiten." Doch die Kleine, die zwar nicht die Worte der Eltern verstanden, wohl aber^Helenens Ton, ihren Blick, stieß die Hände des Vaters, dem sie sonst stets zujauchzte, zurück, „fort, fort, weg!" und schmiegte sich an der Mutter Busen. Wie gebrochen sank der Commerzienrath in einen Sessel. „O," stöhnte er, „auch mein Kind stößt mich zurück!" mit beiden Händen bedeckte er sein Gesicht. Lautlos verstrichen mehrere Minuten. Helene schaute auf den unglücklichen Mann, ihr Mitleid regte sich, ihr edles besseres Selbst erwachte. Trotz ihrer furchtbaren Erregung erkannte sie, daß, was er ihr auch gethan, wie sehr sie auch berechtigt war, ihn zu verachten, in Gegenwart ihres, seines Kindes hätte sie den Ausbruch ihrer Gefühle mäßigen müssen. Und ein Unrecht erkennen und es wieder gut zu machen suchen, war bei ihr Eins. Flüsternd forderte sie die Kleine auf, dem Vater die Hand zu reichen. Erstaunt blickte der Commerzienrath sie an. Helene bemühte sich, die Hand des Kindes ihm zuzuführen. Doch die eigensinnige Kleine wehrte es ihr. Helene preßte die Lippen aufeinander, sie kannte das Kind, es gab nur ein Mittel, sie zu dem zu bewegen, was sie von ihm verlangte, aber das ward ihr unsäglich schwer. Dennoch erhob sie sich, trat zu ihrem Manne und bot ihm die Hand. Ueberwältigt preßte der Commerzienrath sie an seine Lippen und stammelte unzusammenhängende Worte des Dankes und die Bitte um Vergebung. Sie schwieg, aber sie wehrte ihm nicht, als er den Arm um sie schlang; war

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