Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1877)
- Date
- 1877-01-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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48 am Hellen Tage! Die Verleumdung fand Boden, und der Hoffactor entließ Barmann, den Kutscher und die beiden Bedienten aus seinen Diensten. — Bärmann kehrte nach Halberstadt zurück; die glänzenden Aussichten, die sich ihm in Hannover geboten hatten, waren unwiederbringlich dahin; er etablirte in seiner Vaterstadt einen kleinen Handel in Landesproducten; die nicht sehr bedeutenden Mittel, die er von seinem Vater ererbt hatte, erlaubten ihm nicht, Banquier-Geschäfte zu machen. Er verheirathete sich und lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen. So verflossen fünf Jahre. Da hielt eines Tages eine Equipage vor dem bescheidenen Häuschen, das Rabbi Bärmann (er hatte bei seiner Verheirathung das Chaberdiplom, das ihm den Titel „Rabbi" gab-, erhalten), damals bewohnte. Ein vornehmer Herr stieg aus; ihm folgte ein reichgallonirter Bedienter, der eine Chatoulle trug. „Nun, Behrend Lehmann", fragte der Fremde, in's Zimmer tretend, „kennt Ihr mich noch?" Rabbi Värmann erkannte zu seinem Schrecken den Räuber, der ihm die 30,000 Thaler seines damaligen Principals geraubt hatte. „Herr," sprach er, „ich habe unter Umständen Ihre Bekanntschaft gemacht, die mich Sie nimmer vergessen lassen." Der Bediente war hinter seinem Herrn in das Zimmer getreten. Dieser nahm ihm die Chatoulle ab und befahl ihm, hinauszugehen. „Behrend," sprach der Fremde, „ich habe damals nur ein Anlehen bei Euch gemacht. Ich bin gekommen, es, wie ich versprochen, mit Zinsen und Zinseszinsen zurückzuzahlen. Ich habe damals sehr, sehr schlecht gehandelt; ich war ein leichtsinniger Junge; mein Vater hielt mich knapp; ich hatte Ehrenschulden zu zahlen; da half ich mir, wie Ihr wißt, durch ein Zwangsanlehen bei Euch. Gott ist mein Zeuge, ich habe es später bereut, namentlich, als ich " erfuhr, daß Ihr durch mich Eure Stelle verloren, aus Eurer Carriere geworfen wurdet. Mein Vater ist heute vor acht Tagen gestorben. Jetzt will ich das begangene Unrecht wieder gut machen. Es ist das erste Geschäft, das ich seit dem Antritte der Regierung besorge." „„Seit dem Antritte der Regierung? Herr, wer sind Sie?"" „Nicht der Gott-sei-bei-uns, aber der Fürst von Dessau." „„Der Fürst von Dessau!"" „Ja, mein Lieber, bis vorige Woche noch der Erbprinz von Anhalt-Dessau. Es waren dreißig Tausend Thaler, die ich von Euch entlehnte; in dieser Chatoulle sind 60,000 Thaler; was mehr ist als Capital und Zinsen und Zinseszinsen, das nehmt für den gehabten Schreck und die andern übelen Folgen. Und nun noch eins: Ihr werdet von heute an einen Freund und Beschützer in mir haben, und alle meine Geldgeschäfte werde ich nur durch Euch besorgen lassen. Gehabt Euch wohl.!" Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte der Fürst hinaus, sprang in die Equipage und fuhr von dannen. Rabbi Bärmann aber nahm noch an demselben Tage Extra-Post und fuhr nach Hannover; hier übergab er seinem ehemaligen Prinzipal die ganze Summe. „Euch," sprach er, „gehört Alles; Jhrhabt das Geld die Jahre hindurch entbehrt." Aber der Oberhoffactor weigerte sich auf das Entschiedenste, mehr als Capital und Zinsen zurückzunehmen. So blieb für Rabbi Bärmaun eine für die damalige Zeit höchst bedeutende Summe. Er kaufte sich ein schönes Haus und machte Geldgeschäftes die ihm der unbeschränkte Credit, den er bei seinem ehemaligen Prinzipale genoß, bedeutend erleichterte. Das Alles trat vor des Gefangenen Seele. „Warum ängstige ich mich und zage," sprach er zu sich selbst; „hat doch schon einmal eine schreckliche Gefahr in ihren Folgen so wohlthätig gewirkt, daß sie mein Glück begründete. Wenn Gott zu meiner Hilfe, was kann ein Mensch mir thun? Auch diesmal wird mein allmächtiger Beschützer mich erretten. . Sein Name sei gepriesen immerdar." Es klopfte an die Thüre; dann wurde von außen geöffnet. Der Kerkermeister trat herein und brachte ein doppelt versiegeltes Paquet, das Speisen enthielt; er brachte Betten und Kissen für den Gefangenen. Dieser verzehrte sein Abendbrod mit gutem Appetit; dann streckte er sich auf sein Lager und schlief trotz der drohenden Gefahr fest und gut bis in den Hellen Morgen hinein. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche RedaetionOx. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).