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Der Israelit · 1877-01-17 · Heft 3 (17.1.1877) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 3 (17.1.1877)
Date
1877-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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45 wüthender Geberde brach sich ein Weib gewaltsam einen Weg durch die Menge. „Halt ein. Rabbi!" — schrie sie dem in der Trauungsceremonie Begriffenen zu — „Halt ein! Er ist mein Mann, erst muß er sich von mir scheiden!" Mit Hinwegräumung aller Hindernisse stürzte sie zum Brautpaar, riß der Braut den Schleier von dem Haupte und wiederholte schreiend, die Trauung dürfe nicht vollzogen werden, der Bräutigam sei ihr Mann, ihr Mann, der sie vor neun Jahren geheirathet habe, der Mann, aus dessen Ehe mit ihr sechs Kinder entsprossen waren, die nun alle todt seien, der Mann, der sie vor vier Jahren treulos verlassen. Der Tempeldiener, welcher die tobende Frau wegen dieses unerhörten Skandals zur Rede stellte und dieselbe aus dem Tempel weisen wollte, mußte alsbald von diesem Wagestück abstehen, da ihm das rasende Weib ein Messer entaegenhielt '«Nb ihm dieses in den Leib zu rennen drohte, wenn er es wagen sollte, sich ihr zu nähern Das Entsetzen der Anwesenden war auf Aller Gesichter zu lesen. Stumm und bleich stand der Bräutigam, in Thränen aufgelöst die Braut da, mit welcher Deutsch bereits zwei Jahre in unehelicher Verbindung gelebt haben soll und welcher Verbindung angeblich zwei Kinder schon ihr Dasein verdanken. Der Rabbi unterbrach seine Funktion und bestürzt verließen die Hochzeiisgäste den Tempel. Die Frau, welche gestern dies^ peinliche Szene heraufbeschwor, erscyien heute in unserer Redaction und bat uns, die Thatsache durch Aufnahme in unser Blatt vor das Forum derOeffentlichkeit zu bringen. Wir hätten dies auch ohne dieses Ersuchen gethan und können nur nachtragen, daß nach Aussage der Frau Karoline Deusch, geborene Steiner, ihr Mann vor vier Jahren eine Abneigung gegen sie gezeigt habe, auf eine Scheidung aber nicht ernge angen sei, weil sie irgend eine Summe Geldes verlangt hatte. Sie behauptet ferner, Deutsch habe sich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz von Schriften zu setzen^ gewußt, welche es ihm ermöglichten, ein Mädchen zum Altäre zu führen. Die nächsten Tage werden wohl Aufklärung in diese ominöse Affaire bringen. Lemberg. Kürzlich haben wir berichtet, daß Herr Dr. med. Mos es Besser zum Ehrenbürger der Städt ernannt worden sei. Ueber die Motive dieser Auszeichnung heißt es: „Die Verdienste, welche sich dieser Mann um die Armen unserer Stadt erworben hat, sind hier zu bekannt, als daß dieselben hervorgehoben zu werden brauchten." — Der galiz. Beobachter schreibt darüber Folgendes: „Wer kennt nicht das Haus am „Krakauer", wo täglich schon in frühester Stunde Hunderte von Hilfsbedürftigen an der Eingangspforte harren? Dort oben im ersten Stock wohnt ein schwacher Greis, der sein ganzes Leben dem Dienste der Leidenden hingeopfert; ein Priester der erhabensten Nächstenliebe, der keinen Unterschied zwischen Mensch und Menschen kennt und mit gleicher Treue jenem Hilfsbedürftigen beisteht. Hi-r ist die Poliklinik Lembergs in den engsten Räumen — hier lebt Dr. Moses Beiser. — Vergebens würde Mancher nach dem sogenannten „äußeren Apparate" spähen, den „unsere weltmännischen" Aerzte so wirksam zu arrangiren verstehen, daß der Kranke schon von dem Ordinationszimmer selbst einen ordentlichen Respect bekommt. Ein einfaches Gemach mit altväterlichem Mobiliar, das ist das Asyl Lembergs, wo der Genius der Armen seine Patenten erwartet. Herr Dr. Beisir führt seit dem Beginne seiner ärztlichen Thätigkeit ein Tagebuch; jeder Kranke wird mit Namen, Stand und Charakter eingetragen, Beginn und Verlauf der Krankheit werden hier sorgfältig registrirtund ebenso die angewandten Mittel. Wie oft geschieht es, daß bei besonders ernsten Fällen Herr Dr. Beiser zu einem Consilium eingeladen wird. Mit einer wohlbegründeten Ehrfurcht warten dann die Aerzte unserer Stadt, bis Dr. Beiser das dickleibige Buch hervorzieht und seine Daten abliest. Da er alle seine Kranken als seine Kinder behandelt, so dutzt er alle wie ein Vater. Honorar fordert er nie. Wir können stolz sein aus unseren jüngsten Ehrenbürger!" Frankreich. A Paris. Die „Alliance Jsr." hat vom Minister des Aeußeren folgendes Schreiben erhalten: An den Senator Herrn Cremieux. . ' Versailles, 2Dec. 1876. Herr Senator! Ich habe das mir von Ihnen zugesandte Exemplar der Adresse erhalten, welche die „All. Jsr." an die Conferenz in KonstantinopK zu richten beschlossen hat; ferner einen Band mit dem Titel: „Die Lage der Israeliten in Serbien und Rumänien" und endlich den Brief, in welchem Sie mich bitten, mich bei der Conferenz durch unseren Botschafter bei der ottomanischen Pforte zu verwenden. Ich habe mich beeilt, Ihrem Wunsche gemäß an den Grafen Bourgoing zu schreiben, um Herrn Netter, welchen die Alliance als ihren Vertreter hingeschickt hat, seiner wohlwollenden Aufnahme za empfehlen, und die Gesinnungen der französischen Regierung in den Fragen, welche der Alliance am Herzen liegen, sind bekannt genug, daß ich nicht erst hinzuzusügen brauche, daß der Beistand unserer Bevollmächtigten deü Israeliten des Orients inz den auf ihre Interessen und Rechte bezüglichen Unterhandlungen im Voraus gesichert ist. Genehmigen Sie u. s. w. DecazeS.

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