Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1877)
- Date
- 1877-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27 Feuilleton. Der Köviglichr Nksidcnl. (Eine historische Erzählung.) IV. Am anderen Morgen, gleich nach dem Gottesdienste, versammelte sich die ganze Familie Rabbi Bännann's beim Frühstücke, kein Fremder war zugegen, nur Asarjah, der als Verwandter wie ein Kind des Hauses behandelt wurde „Lieber Schwiegervater, liebe Frau und liebe Kinder," redete Rabbi Bärmann die Seinen an, „der allgütige Gott, gepriesen sei sein heiligerName, hat meinem Hause ein großes Glück widerfahren lassen. Der vornehme Herr, welcher gestern bei uns war, ist der Graf von Beichlingen, der Minister des Kurfürsten von Sachsen, Seine Durchlaucht hat mich zu Allerhöchstihrem Geschäftsträger ernannt." „„Gelobt sei Gott", rief Rabbi Joel, „ der gütig ist und Gutes erweist. Das Gebet Deines Vaters, gesegnet sei sein Angedenken, hat Erhörung gefunden, vor des Allmächtigen Thron. Du wirst jetzt Gelegenheit finden, vor die Tbrone der Großen zu treten und Deinen uuterdrückten Brüdern zu helfen."" „Es ist mein Herzenswunsch, meinen Glaubensgenossen zu helfen, wo ich nur kann. Fürs Erste ist es meine Aufgabe, die Aufträge des Kurfürsten zu erfüllen, und das wird nicht leicht sein. Der Kurfürst braucht zehn Millionen Gulden!" „„Zehn Millionen Gulden!"" riefen Alle, wie aus einem Munde. „Beruhigt Euch, es sind nur polnische, von denen sechs auf einen Thaler gehen. Aber dennoch ist es Geld genug, und es wird Mühe kosten, es zusammen zu bringen. Wir müssen Me, Alle arbeiten mit angestrengter Kraft. Der Kurfürst hat mir Generalvollmacht gegeben, Herrschaften, die das Fünffache werth sind, zu verpfänden oder zu verkaufen. Ich selbst werde nach Berlin reisen, um den Verkauf zu besorgen. Du, Asarjah, wirft nach Amsterdam und dem Haag reisen, um Dich mit den De Pinto's und den andern großen Häusern dort in Verbindung zu setzen.' Du, mein Sohn Lehmann, gehst nach Hannover zu meinem alten Gönner, dem Oberhoffactor Liepmann; Ihr Rabbi Moscheh, reist ja ohnedies nach Frankfurt; Ihr wollet gleich nach Eurer Ankunft dort bei den Beifuß, Herz und den Andern Umfrage halten, ob und wie viel Geld sie gegen gute Zinsen, Provision und sicheres Unterpfand hergeben können und wollen. Für jeden von Euch habe ich bereits in voriger Nacht schriftliche Instructionen ausgearbeitet; beglaubigte Abschriften meiner Generalvollmacht werde ich heute noch anfertigen lassen. Ihr, mein lieber Schwiegervater, bleibt zu Hause und besorgt die laufenden Geschäfte mit dem Fürsten von Dessau, dem Grafen von der Ussenburg, dem Grafen von Stolberg und den anderen hohen Herren, die vielleicht vorsprechen werden. Meine liebe Frau und meine Töchter. Esther und Röschen, werden Euch helfen, so gut fie können. Die wichtigsten Sachen sucht bis zu meiner Rückkehr hinauszuschieben." In diesem Augenblicke hörte man einen furchtbaren Angstschrei. Auf der sonst so stillen Straße wurde es lebendig. ,.Der Bär, der Bär!" härte man von allen Seiten rufen. Lehmann trat an's Fenster. „Es ist der Bär des Generals von Marwitz!" sagte er. Da hörte man herzzerreißende Jammertörie. „Mein Kind, mein Peßche. mein Herzblatt!" Es war eine Mutter, die um ihr ermordetes Kind jammerte. Alles stürzte auf die Straße. Hier bot sich ein schrecklicher Anblick. Ein großer, mächtiger Bär, mit einem Maulkorbe und zusammengebundenen Vordertatzen hatte ein etwa vierjähriges kleines Mädchen umgeworfen und mit dem Gewichte seines gewaltigen Körpers erdrückt. Verzweiflungsvoll rang die Mutter die Hände. Das Kind, das sie soeben gesund und froh zum .Bäcker geschickt hatte, war eine LeiHe. Wir können uns heute kaum eine Vorstellung von dem machen, was die Großen und Mächtigen sich in jenen Zeiten erlaubten. Der General von Marwitz, der Commandant von Halberstadt, hielt sich zu seinem Vergnügen einen Bären, und diesen ließ er, wie oben beschrieben, in den Straßen der Stadt umherlaufen. Das große Thier erregte Furcht und Schrecken, wo es erschien. Schon einmal war es unter einen Haufen spielender Kinder gerathen und hatte eins erdrückt. Es war das Kind armer Leute! Was lag daran? Zwar hatte der Oberbürgermeister Dieterich Seine Excellenz hoflichst bitten lassen^ Hochdero Bären künftig in Gewahrsam zu halten, aber Se. Excellenz hatten nicht geruht, dieser Bitte gnädiglich zu willfahren. Nun war wieder ein Kind der Laune des Generals zum Opfer gefallen! Als der Bär das Kind verlassen hatte, brachte man es in das Haus der Mutter; der Arzt kam und untersuchte den kleinen Körper; das Kind war todt. Jammergeschrei, Verwünschungen und Flüche erfüllten die Luft; der Bär aber setzte ruhig seine Promenade fort.