Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-01-03 · Heft 1 (3.1.1877) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 1 (3.1.1877)
Date
1877-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447697--13263-2469123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1. Petition. Durchlauchtigster Fürst! Gnädigster Herr Reichskanzler! In dem Augenblicke, wo die Konferenz von Bevollmächtigten der europäischen Großmächte in Konstantinopel Zusammentritt, um über eine durchgreifende und dauernde Verbesserung der Lage der christlichen Bevölkerung der Balkanhalbinsel zu berathen, wendete sich die Ausmerksamkeit und Theilnahme der Israeliten im civilisirten Europa unwillkürlich dem Schicksale ihrer zahlreichen Glaubensbrüder in eben jenen türkischen Provinzen zu. Wenn diese bisher im Allgemeinen das traurige Loos ihrer christlichen Mitunterthanen theilten und gleich diesen nicht nur eines einigermaßen gesicherten Rechtszustandes in bürgerlicher, politischer und reli. giöser Hinsicht entbehrten, sondern auch in socialer und wirthschaftlicher Hinsicht unter dem schweren Drucke lokaler Mißregierung zu leiden hatten, so schweben sie jetzt in Gefahr von den Wohlthaten des verbesserten Zustandes, den die europäische Intervention herbeizuführen bemüht ist, in der Folge sich dennoch ausgeschlossen zu sehen, sofern nicht zu ihren Gunsten ausdrückliche und unzweideutige Bestimmungen in denjenigen Abmachungen getroffen werden, welche die unter die Garantie der Mächte zu stellende urkundliche Grundlage für die künftige Verfassung und Verwaltung der türkischen Provinzen mit gemischter Bevölkerung bilden sollen. Von dieser, durch frühere Erfahrungen als nicht unbegründet erwiesenen Besorgniß geleitet, haben angesehene Vertretungen israelitischer Associationen in England und Frankreich soeben Schritte eingeleitet, um der Konferenz in Konstantinopel den Antrag zu unterbreiten, daß bei Feststellung der Verhältnisse der mehrgedachten türkischen Provinzen den dort wohnenden Israeliten der gleiche und volle Mitgenuß aller bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte wie allen übrigen nicht muselmännischen Unterthanen der Pforte gesichert werde. Wiewohl durch unsere nicht minder lebhaften Sympathieen für das Wohl unserer orientalischen Glaubensbrüder zur vollen Leistimmung und Unterstützung jener Bestrebungen veranlaßt, ziehen wir es dennoch vor, dem Zuge unseres unbegrenzten inneren Vertrauens zu der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten unseres theueren deutschen Vaterlandes zu folgen, und durch diese ehrerbietige Vorstellung das künftige Loos der israelitischen Bevölkerung der Balkanhalbinsel Ew. Durchlaucht ans Herz zu legen Von der Uebcrzcugung durchdrungen, daß Deutschland bei der Schlichtung der orientalischen Wirren, neben der Rücksicht auf die Erhaltung und Sicherstellung des europäischen Friedens, ausschließlich die Interessen der Menschlichkeit und die Civilisation im Auge hat und daher auch nur in der Richtung dieser hohen Zielpunkte seinen machtvollen Einfluß geltend machen kanrr und wird, dürfen wir uns getrost der Hoffnung hingeben, daß Ew. Durchlaucht es nicht als eine dem deutschen Standpunkt fernliegende Aufgabe ansehen werde, sich bei der Regelung der türkischen Angelegenheiten im Namen der Humanität und der Gerechtigkeit besonders auch desjenigen Theiles der Bevölkerung anzunehmen, dessen Sache nur allein in diesen großen Prinzipien, und nicht zugleich auch in dem realen politischen Interesse der einen oder der anderen Schutzmacht ihre Stütze findet. Demgemäß nehmen wir uns die Freiheit, im Namen der hiesigen Synagogengemeinde Ew. Durchlaucht die ehrerbietigste und gehorsamste Bitte vorzutragen: „Ew. Durchlaucht wolle nach Ihrem weisen Ermessen dem deutschen Bevollmächtigten bei der Konferenz in Konstantinopel die wirksamste Förderung der Rechte und Interessen der israelitischen Vntrrthanen der ottomanischen Pforte in den Provinzen der Balkanhalbinsel hochgeneigtest anempfehlen " Mit tiefster Ehrerbietung rc. 2) Antwort des Auswärtigen Amtes. Berlin, den 18. Dezember 1876. Die Eingabe des Vorstandes der Synagogengemeinde in Breslau hat dem Herrn Reichskanzler Vorgelegen, welcher von deren Inhalte mit Interesse Kenntniß genommen hat. Im Aufträge des Fürsten Bismarck habe ich die Ehre, dem Vorstand der Synagogengemeinde darauf gehorsamst zu erwidern, daß die Reichs-Regierung es als ihre Aufgabe betrachtet, bei den in Konstantinopel stattfindenden Berathungen die Interessen der Reichsangehörigen jeden Bekenntnisses in vollstem Umfange und in derselben Weise, wie dies bisher auf allen anderen Gebieten geschehen, zu vertreten. In diesem Sinne ist auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers der kaiserliche Botschafter bei der Pforte angewiesen, sich allen Bemühungen der anderen fremdländischen Vertreter anzuschließen, welche auf eine Verbesserung der rechtlichen Zustände im türkischen Reiche gerichtet sind, und es darf erwartet werden, daß, falls diese Bemühungen zu bestimmten Abmachungen führen sollten, diese letzteren allen Bewohnern der Türkei ohne Unterschied der Confession zu Gute kommen und damit auch die Wünsche ihre Erfüllung finden werden, denen die Eingabe des Vorstandes Ausdruck gibt Den Vorstand der Synagogengemeinde bitte ich ergebenst, auch der Repräsentantenversammlung der dortigen Gemeinde von Vorstehendem gefälligst Kenntniß zu geben. Der Staatssecretür des Auswärtigen Amtes (gez.) B ü l o w. An den Vorstand der Synagogcngemeinde in Breslau. Elberfeld. Ihre Nr. 51 enthält eine aus Elberf.'lo vom 11. D.c. datirte Cocrespondenz, deren Schlußpassus der Berichtigung bedarf, indem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.