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Der Israelit · 1876-12-27 · Heft 52 (27.12.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 52 (27.12.1876)
Date
1876-12-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1196 kleiden zu lassen, so hätte sie gewiß auch keine Lust, sie zu hören, und da wollten sir lieber mitsammen zu Hause bleiben. Mich hat's verdrossen, denn ich werß, das Fräulein hört die Meistersänger gern und es war noch gar nicht spät. Aber was konnte ich thun? ich mußte die Thür wieder zumachen und allein im Ankleidezimmer bleiben, während der alte Herr beim Fräulein geblieben ist. Und ^>en ganzen Abend ist er bei ihr geblieben, bis nach elf. Ich habe sie wohl immer mit einander reden hören, aber verstehen konnte ich natürlich nichts. Und als der alte Herr endlich fortgegangen ist und ich hinein bin zum Fräulein und sie da es mir gesagt hat — rch habe geglaubt, der Schlag müßte mich treffen — Herr Werner, denken Sie sich nur, mein liebes iunges schönes Fräulein, das so lieb und schön ist wie ein. Engel und der alte dicke Herr Commerzienrath. Die wollen einander heirathen, die haben sich verlobt." Ein halb unterdrückter Schrei entrang sich der Brust des jungen Mannes. „Das ist nicht möglich"" stammelte er, „nicht möglich!" Susanne weidete sich beinahe an seinem sichtlichen Schmerz. „Nun schauen Sie, Herr Werner, was Sie angerichtet haben; es ist nicht möglich, sagen Sie, aber es ist doch. — Und darum bin ich zu Ihnen gekommen, Herr Werner, und bitte Sie um Gotteswillen helfen Sie, daß mein schönes junges Fräulein sich nicht in's Unglück stürzt." Werner zuckte die Achseln. „„Was kann ich thun?"" murmelte er. „Was Sie thun können?" schrie Susanne, „gehen Sie, Herr Werner, gehen Sie, wie können Sie so reden. Sie lieben das Fräulein und das Fräulein liebt Sie und Sie fragen, was Sie thun können! — und ich weiß es ganz sicher, daß das Fräulein Sie gern hat. Zwar hat sie gesagt, sie hätte den alten Herrn lieber als alle die jungen Herren, und als ich gesagt habe, daß das doch nicht möglich wäre, da hat sie gesagt, sie wisse wenigstens keinen, den sie dem alten Herrn vorziehen könnte. Verstehen Sie mich wohl, Herr Werner, sie hat gesagt, vorziehen könnte. Und das ist doch sehr leicht zu verstehen. Denn warum? alle die Herren, die sie gern haben möchten, die mag sie nicht, und den einen, den sie möchte, den kann si. nicht vorziehen, weil er feit bald drei Monaten nicht mehr zu ihr gekommen ist. Aber nun kommen Sie, Herr Werner, ich bitte Sie um alles in der Welt, lassen Sie mein Fräulein nicht umkommen." Mit unsäglicher Anstrengung rang der junge Mann nach Fassung. '„„Ich kann nichts thun,"" sprach er endlich mit möglichst fester Stimme, „„ich besitze weder auf den Herrn Commerzienrath noch auf das Fräulein irgend welchen Einfluß."" Susanne gerieth außer sich, sie hatte so sicher darauf gerechnet, daß er helfen würde, daß sie es gar nicht zu fassen vermochte, daß er wirklich nichts thun könne oder, wie sie wähnte, nichts thun wolle. Sie bat, sie flehte, sie warf sich ihm zu Füßen, doch was konnte er thun? Wohl war es ihm, als wäre durch Helenens Verlobung eine Saite in seinem Innern gesprungen; denn jetzt, jetzt war sie ihm vollständig verloren. Bisher hatte ec sich immer noch in Hoffnungsträumen gewiegt. Zwar hatte er dem Commerzienrath entschieden erklärt, daß er nimmer die Hand bieten werde, daß eine Nichtjüdin aus irgend welcher Nebenabsicht zum Judenthum übertrete. Aber das Judenthum war dem jungen Mädchen ja gar nicht so vollständig fremd, wie ihr Vormund wähnte. Werner hatte ihr so manchen jüdischen Gebrauch, so manches Gebot erklärt und dadurch ihr Interesse für die Religion, die er auch für die ihre hielt, in hohem Grade geweckt. Noch in ihrer letzten Unterredung hatte sie bewiesen, wie aufrichtig dieses Interesse, durch die Bitte, er möchte ihr einen Religwnslehrer empfehlen. Und wenn sie nun erfahren, daß diese Religion, für die sie sich bereits so lebhaft interessirt, gar nicht die ihre — war es da so fernliegend, daß sie sie trotzdem kennen lernen wollte? Zudem wußte er, daß sie die Religion, der ihre Mutter angehört, durchaus nicht für die wahre hielt; denn wiederholt hatte sie ihm von einigen christlichen Freundinnen erzählt und über deren ihrem Hellen, klaren Sinn geradezu unverständliche Anschauungen gelächelt. Als Christin würde sie sich nimmer betrachten, davon war er überzeugt, und war es denn da so fernliegend, daß sie aus Ueberzeugung zu der Religion übertreten werde, die sie, wie sie sich einst gegen ihn geäußert, obgleich sie sie nur theilweise kannte, doch mit Stolz als die ihre betrachtet hatte? Und wenn sie einmal in Wirklichkeit übergeireten, mit Beobachtung aller gesetzlicher Vorschriften, was stand seiner' Verbindung mit ihr entgegen? — Nichts, durchaus nichts, denn ihrer Liede war er sicher. In solchen Träumen hatte er sich gewiegt — und nun — und nun. — Als Braut des Commerzienraths war sie für ihn verloren. — Zertrümmert war all' seine Hoffnung. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. Susanne sah, das; ihre Anwesenheit vollständig vergessen und hielt es daher nicht der Mühe werth, sich zu empfehlen. „Feiger Jud'," murmelte sie,

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