Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1876-12-27 · Heft 52 (27.12.1876) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 52 (27.12.1876)
Date
1876-12-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447645-2447694--13236-2469095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1191 einem Berge; der im Thale liegende Theil heißt die Unterstadt, der aus der Höhe liegende die Oberstadt, eine steinerne Treppe verbindet die beiden Stadttheile — an der Holtemme also, nicht weit von der Peterstreppe, liegt ein großes, schönes Haus, das vor nicht ganz zwei Jahrhunderten Rabbi Bärmann bewohnte. Viele Jahre sind seit den im ersten Kapitel erzählten Ereignissen verflossen; der gute, fromme Rabbi Juda Lehmann ist lanae gestorben, und sein geliebter Sohn Bär- Mann ist ein angesehener, wohlhabender Kaufmann geworden, der namentlich mit den begüterten Edelleuten in der Gegend Geschäfte macht. Es geht ihm recht gut, dem Rabbi Bärmann; er ist glücklich verbeirathet; seine Gattin Mirjam ist ein biederes Weib, und seine älteste Tochter ist bereits verlobt mit eiuem jungen Manne aus Frankfurt am Main, Rabbi Moscheh Kann, der später in feiner Vaterstadt eine hervorragende Stellung einnehmen sollte; er wurde in spätern Jahren Vorsteher der Hochschule (Jeschibah) und das Haupt der damals in Frankfurt tonangebenden Famitte Kann. Es war an einem Sabbat, und der junge Bräutigam hatte in der Synagoge — ach, es war ein gemietheter Raum, denn die Haupt-Synagoge hatte noch imnttr nicht wieder aufgebaut wrden dürfen — einen talmudischen Vortrag über „Rigal Besteht aus dem Tractat Kidduschin gehalten und hatte vielen Beifall gefunden. Zur dritten Mahlzeit hatte nun Ravbi Bärmann die Freunde und Verwandten, sowie die Gelehrten der Gemeinde eingeladen. Einen Rabbiner gab es damals in Halberstadt nicht; die mißlichen Zeitverhältnisse hatten nicht gestattet, einen solchen zu engagiren. Es war eine reichbesetzte Lasel, an der es sich die zahlreichen Gäste wohl schmecken ließen Die Speisen waren, des Sabbats wegen, alle kalt; namentlich waren es die verschiedenen Arten von Fischen, die, verschieden bereitet, den Halberstädtern köstlich mundeten; der Frankfurter Gast schien sich weniger daraus zu machen. „Ich weiß nicht," sagte er. „Eure Fische haben einen sonderbaren Beigeschmack." „„Das kommt daher,"" erklärte Rabbi Joel, der Schwiegervater Rabbr Bärmanns, „„weil unsere Fische aus Teichen stammen, während Eure Fische im Main gefangen werden "" „Ja," sagte Rabbi Moscheh, „das wird wohl der Grund sein; die Fische aus dem Rhein, die rns das Mainzer Marktschifl bringt, sollen noch besser sein; ich verstehe nicht viel davon." j „„Von Schaß und Poßkim^) versteht Ihr I) Talmud und Tecisoren. , rief Samuel, ein Halberstädter Kaufmann; „„wir werdend noch erleben, daß Ihr Frankfurter! Raw werdet!"" 1 „Wo denkt Ihr hin," entgegnete der Bräuti-! gam. „Das ist ganz unmöglich; erstlich ist es j Tekonaß HakahaN), daß kein Frankfurter in Frankfurt Rabbiner werden kann, und dann, wie komme ich dazu, der Nachfolger Rabbi Samuel Kaidanovers, sein Andenken fei gesegnet, z» werden!" „„Ihr seid zu bescheiden,"" entgegnete Samuel. „„Aber sagt, ist die wunderbare Geschichte wahr, die von dem großen Rabbi, gesegneten Andenkens, erzählt wird?"" „Sie ist vollkommen wahr," sprach Rabbi Moscheh. „Was ist das für eine Geschichte?" fragte Rabbi Bärmann, „ich habe nichts davon gehört." „Ich bitte, erzählet, erzählet!" tönte es von allen Seiten. . Rabbi Moscheh folgte der Aufforderung und begann folgendermaßen: „Es war eine Schaaloh2 * 4 5 * 7 * 9) an den seligen Raw gekommen, der damals erst kurze Zeit in Frankfurt gewesen; es war ein Schaaloh Beinjons Trephauß^) und der Raw hat die Sach' mattir gewesen^); ein Dajon9). den ich nicht nennen will, erfuhr davon und ersah, daß der Rabbi gegen den Schacht) entschieden hatte. Da erklärte er das Urtheil des Rabdinen für falsch und behauptete, durch ihn habe man verbotene Speisen in Frankfurt genossen. Am nächsten Sabbat betrat der Rabbi die Kanzel. „Ravaußai, meine Herren." sagte er, „man hat eine schwere Beschuldigung gegen mich vorgeb acht. Es ist wahr, ich habe gegen den Schach gepaßknt (entschieden). Rabbi Sabbarhai Cohen war mein Genosse; wir beide haben gemeinschaftlich beim großen Rabbi Heschel (Josua) gelernt. Wir waren schon damals über diese Frage uneinig; ich entschied lehettnr^), er IciffiiT9).' Und nun will ich Euch noch etwas erzählen. Als ich in meiner Heimath in Polen die Aufforderung erhielt, Frankfurter Raw zu werden, da wollte ich dem Rufe nicht Folge leisten; ich wollte das Aul harabonuß10) nicht tragen. D<r 2) Gemeinde-Gesetz. 3 > Religiöse Anfrage. 4) In Bezug aus krankes (oder gesundes) Dich. 5) erlaubt. «) Rabbinatsassessor. 7) Rabbi ^abbalhai Cohen. b) es sei erlaubt. 9) es sei verboten. 10) das Joch der Rabbincrwürde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.