Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1876)
- Date
- 1876-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1172 Als der Gewalthaber der Stadt daher sah, daß die Juden bis auf's Aeußerste die Thora - Rollen schützen und vertheidigen würden, gab er die Erlaubniß, dieselben aus Dem der Zerstörung gewidmeten Gebäude herauszuholen. Schon hatten die Maurer und Zimmerleute einen großen Theil der Synagoge zertrümmert, als ihnen Halt geboten wurde. Rabbi Juda Lehmann, gefolgt von den übrigen Hausvätern, trat an die heilige Lade, die der Vorsänger öffnete, der dann mit wehmuthsvoller Stimme, wie am Tage der Zerstörung Jerusalems, anhub zu singen: ,^Wajhi Binßaua Hovraun " „Und es war, da die Lade zog, da sprach Moscheh: Auf, Herr, es mögen zerstreut werden Deine Feinde und Deine Hasser mög-n fliehen vor Deinem Antlitze!" Alle anwesenden Israeliten flngeu an laut zu weinen; dann nahmen sie, Einer nach dem Andern, eine Thora-Rolle aus dem Heilgen Schrein, küßten sie und trugen sie von dannen. Die Volksmasse, die sich draußen angesammelt hatte, gab ihnen Raum, und so brachten sie, unangefochten, die Thora-Rollen in das Haus Rabbi Juda Lehmann's. In der Göddenstraße aber setzten die Handwerker ihr Zerstörungswerk fort, und nach wenigen Stunden war die Halberftädter Synagoge dem Erdboden gleich gemacht Auch der Schutt wurde hinweggefahren, und nur die Lücke in der Häuserreihe dezeichnete den Platz, wo einst das Bethaus der Israeliten gestanden hatte. Bürgermeister und Rath berichteten das Geschehene nach Berlin und ersuchten zugleich den Kurfürsten, zu verordnen, daß die Juden künftighin gezwungen seien, wie in alten Zeiten, gelbe Hüte <zu tragen, damit Jeglicher sie gleich an ihrer Kleidung erkennen und sich von ihnen fernhalten solle. Aber auch die Juden sandten einen wahrheitsgetreuen Bericht an den Kurfürsten. Dieser war über die Gewaltthat der Stünde im höchsten Grade entrüstet, erklärte sie als einen Eingriff in seine Hoheitörechte und als einen Mißbrauch seiner Soldaten, verlangte die Namhaftmachung der Schuldigen, um sie zu bestrafen und gebot.' daß den Juden von Seiten der Stadt der Schaden ersetzt werde. Jetzt waren es die Juden, die für ihre Feinde baten, auf Rache und Schadenersatz verzichteten und nur um die gnädige Erlaubniß nachsuchten, die Synagoge wieder aufbauen zu dürfen. Der erste Theil ihrer Bitte wurde ihnen gnädigst gewährt; Magistrat und Stadtrath wurde die Strafe erlassen; aber die Erlaubniß zum Wieder- Aufban der Synagoge wurde ihnen verweigert. Sogerecht waren zu jener Zeit selbst wohlgesinnte Monarchen gegen die Söhne Israels. Als diese Nachrich^nach Halberstadt kam, ward die ganze Gemeinde von Schmerz überwältigt. Rabbi Juda Lehmann saß in seinem Hause, im Angesicht der ihres Hauses beraubten Thora-Rollen und weinte. Da kam zu ihm sein kleiner, achtjähriger Sohn und küßte dem Vater die Hand und sprach: .Weine nicht, lieber Vater, ich, ich werde die Synagoge Dennoch wieder aufbauen!" Und Rabbi Juda umarmte seinen Sohn und küßte ihn und sprach: „..Gebe Gott, daß Du die Wahrheit gesprochen, mein Sohn! Sagen doch die Weisen, daß die Binder halbe Propheten sind. Ja, Du wirst die Synagoge weit schöner und herrlicher wieder aufbauen!"" Rabbi Juda setzte große Hoffnungen auf diesen seinen Sohn. Als nämlich im Jahre 1659 der berühmte Rabbi Menascheh ben Jisroöl, der große Vertheidiger seines Volkes, gestorben war, da erfüllte Trauer und Schmerz ganz Israel. Die Söhne Jakobs fühlten sich verwaist; der Tod h^tte den Beschützer der Verfolgten hinweggerafft. Und als diese Trauerkunde nach Halberstadt kam, da hatte der fromme Rabbi Juda Lehma' n zu Gott gebetet, daß Er den großen Verlust Seinem Volke ersetzen möge. „Herr.' mein Gott," sprach er, „ich selbst fühle mich zu schwach und zu gering, um meinem Volke ein zweiter Menascheh ben Jisroel zu werden. Aber gib mir einen Sohn, der Da werde ein Beschützer der Bedrängten, ein Erretter der Verfolgten, ein Vertheidiger der Ui.terdrückten." Im darauffolgenden Jahre wurde dem Rabbi Juda ein Söhuchen geboren, daß er Bär mann nannte. Eine innere Stimme sagte dem Vater, daß Gott sein Gebet erhört habe, daß der kleine Bärmann einer großen Zukunft entgegen gehen würde. Wie erfreute es nunmehr das Vaterherz, als der achtjährige Knabe mit Bestimmtheit versicherte , er würde die zerstörte Synagoge wieder aufbauen! Rabbi Juda küßte sein Kind, und frohe Zuversicht erfüllte sein Herz. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schcn Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).