Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1876)
- Date
- 1876-12-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1171 „Im Namen Seiner Kurfürstlichen Durchlaucht, unseres allergnadigsten Kurfürsten und Herrn. „Nachdem Seine Kurfürstliche Durchlaucht, Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden Kurfürst des heiligen römischen Reichs, Markgraf von Brandenburg, Fürst von Halberstadt rc. rc. allergnädigst auf die unterthänigste Eingabe von Allerhöchstdero getreuen Ständen zu entscheiden geruht haben, daß denen Juden von Halberstadt durchaus keine Synagoge zu verstatten sei, so hat ein wohlweiser Magistrat und Rath dieser Stadt beschlossen, heute, am 18. des Monats Martis 1669, den Tempel der Juden zu zerstören und der Erde gleich zu machen." Während der Vorlesung hatte eine tiefe Stille geherrscht. Als der Notar schwieg, brach der versammelte Pöbel in nicht enden wollende Jubelrufe aus. Der Notar ergriff einen gewaltigen Hammer und zertrümmerte die Synagogen-Thüre; die Maurer und Zimmerteute, mit Brecheisen und Aexten bewaffnet, begannen ihr Zerstörungswerk. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel erreichte die Schreckenskunde die Juden von Halberstadt; sie stürzten aus ihren Wohnungen herbei und wollten, laut jammernd, zum Orte der Zerstörung Vordringen; allein die Musketiere hielten sie zurück, während der Pöbel die Unglücklichen verhöhnte und verspottete. Einer der vornehmsten Männer der Gemeinde war damals Rabbi Juda Lehmann aus Essen.*) Er eilte zum Bürgermeister. „Herr Bürgermeister," rief er, „was geschieht mit unserer Synagoge?" „„Ha, ha,"" rief der Bürgermeister lachend, „„sie wird eingerissen. Seine Kurfürstliche Gnaden haben das allergnädigst verstattet."" „Ohne den Vorstehern der Gemeinde vorher Mittheilung zu machen?" „„Das ist wohlweislich unterlassen worden! Hätte man Euch vorher davon verständigt, Ihr wäret gelaufen und gerennt, bis Ihr die Maßregel verhindert hättet."" „Herr Bürgermeister, wie könnt Ihr das vor Gott verantworten?" „„Ich habe den Pastor primurius gefragt; er ist damit einverstanden. Der Judentempel muß zerstört und der Erde gleichgemacht werden."" „Gestattet wenigstens, Herr, daß wir die Thora-Rollen herausholen, damit die Heiligthümer Gottes nicht entweihet werden." *) (5r stammte aus (5j)'en an der Ruhr und war von da nach Halberstadt gezogen. „„Nichts, gar nichts. Alles muß vernichtet werden."" Rabbi Juda Lehmann erschrak furchtbar. Thranen entrollten seinen Augen. „Hebt Gnade, Herr Bürgermeister," rief er, „gestattet, daß wir die Thora unseres Gottes vor Entweihung schützen! Ist doch das Gesetz MostS auch Euch Christen heilig!" „„Macht, daß Ihr fortkommt, Jude, oder ich laste Euch durch den Büttel hinauswerfen."" „Gut, Herr Bürgermeister, ich gehe; aber daS sage ich Euch, wir Alle, Männer, Frauen und Kinder, werden mit unfern Leibern den heiligen Schrein schützen, in welchem die Thora-Rollen aufbewahrt werden. Möge man uns Alle lieber ermorden, ehe wir die Entweihung unserer heiligen Gotteslehre dulden. Aber auf Euer Haupt wird die Verantwortung fallen. Der Kurfürst wird Euch zur Rechenschaft ziehen für das vergossene Blut!" Der Bürgermeister stutzte. Es lag etwas Wahres in dem, was der Jude sagte. Kurfürst Friedrich Wilhelm, bekannt unter dem Namen „der große Kurfürst", war durchaus kein Judenfeind. Er war es, der einige Jahre später den aus Wien vertriebenen Israeliten gestattete, sich in Berlin niederzulassen. Nur auf die dringenden Vorstellungen der Halberstädter Stände hin hatte er entschieden, „daß den Juden keine Synagoge zu verstatten sei". Denn die Halberstädter Juden hatten allerdings die Erlaubniß des Kurfürsten, eine Privatsynagoge einzurichten, überschritten. Während des dreißigjährigen Krieges war die alte Synagoge am 9. Ab 5381 (1621) zerstört worden. Als durch den westphälischen Frieden (1648) Halberstadt an Kur - Brandenburg kam, gestattete der Kurfürst, daß elf jüdische Familien in Halberstadt wohnen und sich eine Privatsynagoge halten dürften. Damals stand Rabbi Jirmijah, ein hochangesehener Mann, an der Spitze der Gemeinde. Er li.'ß sofort eine öffentliche Synagoge erbauen und ermöglichte es, daß sich viele Juden in Halberstadt niederließen. Durch seinen Einfluß konnte das Alles ungestört geschehen, denn die mächtigsten und angesehensten Mitglieder des Magistrats und des Raths waren ihm verpflichtet. Jetzt aber war Rabbi Jirmijah gestorben; sofort hatten die Stände I eine Eingabe an den Kurfürsten gemacht, über die zahlreiche Vermehrung der Juden Beschwerde geführt und die Ueberschreitung der Kurfürstlichen , Erlaubniß in's gehässigste Licht gestellt. Darauf war die obenerwähnte Kurfürstliche Entscheidung! erfolgt. Der große Kurfürst war ein ßrmger und gerechter Herr, Blutvergießen — das wußte der j Bürgermeister — würde er auf's Strengste ahnden.