Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1876)
- Date
- 1876-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1166 O ser Bestrebungen auf beide anwendete. Neuerungen im Gotteshause und Sichlossagen von den wichtigsten jüdischen Gesetzen im praktischen Leben unter einen Begriff zu bringen suchte und für die Nothwendigkeit der gottesdienstlichen Reform scheinbar religiöse Gründe, wie Hebung und Förderung der Andacht, vorbrachte; hat man es fertig gebracht, einen großen Theil der Welt zu täuschen, so daß diese, an dem nicht so auffallenden Namen Reform keinen Anstoß nehmend, der anderen Seite der Bestrebung, der Trennung vom jüdischen Gesetze nämlich,' nicht so viel Beachtung schenkte. Denn hätte man klar und unverblümt ausgesprochen: wir erklären L-abbat und Speisegesetz rc. für aufgehoben , die Reform hätte beim Beginne schon Fiasko gemacht. Trotz dieses Manövers und der vorgeblichen Nothwendigkeit haben sich diese Herren im Großen und Ganzen doch arg verrechnet, nicht in den Menschen, in der großen Menge, die sich gerne reformiren ließ, aber im Judenthume, das sich nicht hat unbequemen lassen den herrschenden Ansichten, sein innerstes und eigenstes Wesen aufzugeben, das heute noch Sabbat und Speise- Gesetz als ewige Satzungen offen und sreimüthig bekennt und aufrecht erhält und -- ehrlich gestandenI— selbst von der großen reformirten Menge nicht anders gedacht wird, als mit diesen Gesetzen. Wenn man an Reformjuden die Frage stellen würde, ob sie glauben, man dürfe diese Gesetze aufheb^n, ohne der jüdischen Religion zu schaden, ohne das Judenthum zu gefährden, so wird sicherlich der größere Theil antworten, daß es nicht erlaubt sei', daß kein Rabbiner dazu berechtigt sei. Wem sie lästig und unbequem seien, der könne sie ja unterlassen, das habe Jeder mit seinem Gewissen abzumachen; aber nichtsdestoweniger bleiben sie jüdische Gesetze. Die Assimilation hat sich nicht vollzogen; das war einfach ein Rechenfehler, der, leicht erklärlich, dadurch entstand, daß man nicht bedachte, daß die Juden, und seien sie noch so gleichgültig gegen die jüdischen Gesetze, Juden bleiben wollen. Warum? Vielleicht beruht das auf einem Geheimnisse des Judenthums; vielleicht ist das jüdische Gefühl uns von Gott eingepflanzt, so daß Sein Wille, der uns ewige Gesetze gab, aufrecht erhalten bleibe. Was nun die Reform selbst anbelangt, die, wie wir gesehen haben, nur als Deckmantel vorgehalten wurde, so zeigt sie sich als das, was sie ist, was sie ja nicht anders sein kann, als — eine Phrase. Bei dem Bestreben, das Judenthum vom Grunde aus umzugestalten, ist gottesdienstliche Reform auf jüdischem Boden und den jüdischen Charakter wahren sollend, eine höchst überflüssige Sache. Nachdem man vom jüdischen Gesetze abstra- Hirt, wollte man in die Tempel den ganzen Schwerpunkt des Judenthums gelegt und in ihnen allein das geläuterte Judenthum zum Ausdruck gebracht wissen. Es sollte vollständig Ersatz bieten für das aufgegebene praktische Judenthum, Mit überschwenglichen Phrasen wurde das Reformwerk begonnen. Sehen wir uns dasselbe einmal genauer an, wie es sich heute nach Jahrzehnten uns zeigt. So viele Tempel, so viele Reformen. Willkür und Laune ändert und formt und schafft ab. Der Eine meint, sein Gebetbuch dringe bis zum Himmel, der Andere wieder glaubt, nur das seinige erreiche das Ziel. Dieser, meint, ein Harmonium genüge schon, die Herzen zur Andacht zu stimmen; Jener aber glaubt, nur eine vollstimmige Orgel, unterstützt vom zarten Gesänge der Frauen, mache größeren Eindruck auf das Gefühl und werde den Himmel erschließen. Der Eine läßt das Gottes- Gesetz der Gemeinde alljährlich verkünden; der Andere meint, drei Jahre oder auch sieben seien hinlänglich dazu. (Wozu? will man ja das Gesetz nicht anerkennen? will man doch den Sabbat nicht beobachten? will man doch vom Speisegesetz nichts wissen?) Wieder Andere glauben, wenn man einfach über das „alte" Judenthum sich erhebe, darüber hinwegsteige, erklimme man den Himmel, und schließlich — stürzen sie aus allen ihren Himmeln, verstehen sich gegenseitig nicht, gerathen hier auf Erden unter sich in Streit, trennen sich selbst und — verlieren sich. Ob wohl jene Herren sich der biblischen Erzählung vom Thurmbau zu Babel erinnern! Jene Himmelsstürmer wollten sich einen berühmten Namen machen, etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes , die Welt in Erstaunen Setzendes vollbringen, und vollbrachte eine große, große — Ruine. Einer verstand den Andern nicht mehr, und anstatt den Himmel zu erreichen, vertheilten sie sich über die Erde, gingen sie von einander. Sollte wohl das große Reformproject nicht auch schließlich als eine große Ruine sich Herausstellen? — Schon hört man die Herren klagen und seufzen über ihr Verlassensein und ihr vergebliches Bemühen, dem modernen Geschmack unserer Zeit Alles so mundgerecht gemacht zu haben, und nun — stehen leer die heiligen Hallen; Chöre und Orgel und Predigt finden keine Zuhörer mehr, denn wenn auch nach Koheleth „Alles seine Zeit hat", so hat doch der Neformjude keine Zeit für Reformen im Gottesdienste, da er ja Geschäfte halber an Wochentagen den Gottesdienst nicht besuchen