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Der Israelit · 1876-12-06 · Heft 49 (6.12.1876) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 49 (6.12.1876)
Date
1876-12-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1127 — anstatt sie zu vertheidigen — behauptete ganz kühn, daß die Juden nach einem biblischen Gebot jedes Jahr Christenblut vergießen würden. Schwer waren die Folgen dieser Anklage eines Apostaten. (Hamagid.) Feuilleton. Proselytrn. Von Friedrich Rott. XXIX. Ein schmerzliches Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Mädchens, doch sie erwiederte Nichts- Sie litt unsäglich, doch der Commerzienrath batte Recht, als er von ihrem starken Geist gesprochen. Sie hatte Werner geliebt, sie liebte ihn noch mit aller Gluth eines jungen reinen Herzens; doch so sehr sie ihn geachtet, sein Benehmen ihr gegenüber mußte ihr als unehrenhaft erscheinen; mochte nun der Commerzienrath Recht haben, fürchtete er, der Besitz ihres Vermögens könne ihr noch nachträglich streitig gemacht werden, oder hatte nur übermächtiges Ehrgefühl den Bruch mit ihr provocirt, so viel glaubte sie mit Bestimmtheit annehmen zu müssen, geliebt hatte er sie nie. Und sie wollte sich nicht länger härmen über den Verlust eines Menschen, der Liebe ihr geheuchelt, ohne sie zu empfinden, das verbot ihr ihr Stolz, ihr Selbstgefühl. Aber ihrer Eltern mußte sie ewig sich schämen, nimmer konnte sie dieses unsäglich bittere Gefühl überwinden. In ähnlichem Sinne äußerte sie sich auch gegen den Commerzienrath und hielt sich selbst überzeugt, so zu empfinden, aber sie täuschte sich selbst. Sie liebte Werner und sie litt um ihn; doch ihr Stolz sträubte sich» dies einzugestehen und darum überredete sie sich selbst, es sei das Gefühl der Schande, die sie um ihrer Eltern willen empfinde, das ihr Leiden verursachte. Der Commerzienrath that sein Mögliches, sie zu erheitern oder wenigstens zu zerstreuen, er überbot sich förmlich in zarter Aufmerksamkeit gegen sie, und sie hätte nicht das reine edle Wesen sein müssen, das sie war, hätte sie ihm für das Alles nicht aufrichtige kindliche Liebe gezollt. Unter dem Schutz einer befreundeten ältern Dame war sie in die s. Welt eingeführt worden; von allen Seiten huldigte man der jungen anmuthigen Erbin eines fürstlichen Vermögens, aber Alles ließ sie kalt; es kam ihr vor, als wäre ihr Herz gestorben und so heiter und selbst übermüthig sie in Gesellschaft sein konnte, allein oder nur mit ihrem Vormund, wollte ihre Schwermuth sich nicht vermindern. Der Commerzienrath klagte einst schmerzlich, daß seine Gegenwart sie zu verstimmen scheine. Doch indem sie sich vertrauensvoll auf seinen Arm lehnte, versicherte sie, daß sie sich nirgends so wohl, nirgends so behaglich fühle, als bei ihm allein. Bei ihm brauchte sie nicht lachen und scherzen, wenn die Schamröthe ihr in die Wangen stieg, oder Thränen das Auge ihr füllten, brauchte sie überhaupt sich keinen Zwang anzuthun, denn er kannte ihr Leid. Seine Gegenwart war ihr jetzt stets willkommen, denn sie scheute die Einsamkeit, die ibr unaufhörlich den ins Gedächtniß rief, der sie verschmähte. In heiterster Gesellschaft jedoch konnte oft ein ganz unbedeutendes Wort sie erregen, ganz besonders, wenn sie mit ihrem vollen Namen angeredet wurde. Da sah der Commerzienrath sie bald erröthen, bald erbleichen, und um ihre Erregung zu bemänteln, gleich darauf übermüthig lachen und scherzen. Mühlheim war überglücklich, mit jedem Tage näherte er sich seinem Ziele. Man konnte sich jedoch auch nichts Rücksichtsvolleres denken, als sein Benehmen gegen seine Mündel. Seitdem er wußte, daß seine Anwesenheit ihr willkommen, brachte er jede Minute, die er erübrigen konnte, bei ihr zu. Seit Wochen hatte er die geselligen Club, zu dessen treuesten Mitgliedern er bisher gezählt, nicht besucht; statt dessen konnte man ihn allabendlich in Begleitung seiner Mündel dort treffen, wo er hoffen konnte, daß sie sich am besten zerstreuen würde, in Gesellschaften, Theater, Conzert, bei populär-wissenschaftlichen Vorträgen und dergt. Helene ging auf alles ein, was er in Vorschlag brachte, denn sie hätte gar zu gern sich selbst vergessen, aber von Tag zu Tag ward sie bleicher. Es war Abend, der Commerzienrath hatte sie aufgefordert, mit ihm die Oper zu besuchen, und sie erinnerte sich soeben, daß es Zeit sei, sich ankleiden zu lasse«, als ihr Vormund bereits in voller Gesellschaftstoilette ins Zimmer trat. „Wie, liebe Helene, nock nicht im Putz? da werden wir ja heute spät kommen, sehr spät." „Ach Verzeihung, Herr Commerzienrath, ich wußte nicht, daß es schon so spät. Ader ich werde mich beeilen, in zehn Minuten werde ich angekleidet sein."" „Nicht doch, liebes Kind, nicht doch, übereilen Sie sich nicht. Und wissen Sie was? lassen Sie für heute Abend die Oper Oper sein, wenn man vergißt, zur Oper Toilette zu machen, hat man gewiß kein großes Verlangen, sie zu besuchen."

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