Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1876)
- Date
- 1876-12-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1128 „„Aber Sie, Herr Commerzinnrath, werden sie doch nicht versäumen?"" „Wenn Sie mir erlauben, den Abend hierbei Ihnen zu verbringen, werde ich mit Freuden auf alles Andere verzichten." „Nein, nein, das würde ich mir nie verzeihen, daß Sie durch meine Nachlässigkeit um Ihre Lieblingsoper kommen."" „Liebe gute Helene, so lange leben wir schon zusammen, und noch sollten Sie es nicht wissen, daß es für Ihren alten Vormund keine größere Freude gibt, als mit seiner holden Mündel zu plaudern? Aber ohne Scherz, liebe Helene, es ist mir heute ganz willkommen, daß ich Sie zum Besuch der Oper nicht aufgelegt finde. Schon seit mehreren Tagen habe ich eine ungestörte Unterredung mit Ihnen herbcigesehnt, konnte aber keine passende Gelegenheit dazu finden. Und nun kommen Sie, setzen Sie sich wieder und lassen Sie uns gemüthlich mit einander plaudern." „„Aber wenn ich zugeben soll, daß Sie um meinetwillen die Oper versäumen, so muß ich wenigstens darauf bestehen, daß Sie um meinetwillen die Cigarren sich nicht entziehen. Nur wenn Sie rauchen, Herr Commerzienrath, setze ich mich zu Ihnen."" Mühlheim lachte mit innigem Rehagen. „Sie sind ein liebes gutes Kind, das die Schwächen des alten Vormunds mit liebenswürdiger Geduld erträgt. Aber ich bin auch ein folgsamer Vormund, sehen Sie?" er zog bei diesen Worten seine Cigarrentasche hervor, Helene nahm eine Handarbeit und setzte sich ihm gegenüber. Der Commerzienrath halte eine Cigarre angezündet und einige Züge gethan, aber er rauchte sehr mäßig und vorsichtig, daß der Dampf sein Gegenüber nicht belästigen konnte. „Wie ist es doch hier so traulich bei Ihnen, liebe Helene, einen solchen Genuß hätten alle Opern der Welt mir nicht bieten können. Wenn ich nur das auch Ihnen zu bieten vermöchte, was Sie mir in so hohem Grade gewähren." „„Und das ist?" sie schaute fragend zu ihm auf. „„Freude, liebes Kind, Freude." Ein halb unterdrückter Seufzer hob Helenens Busen, auch der Commerzienrath seufzte, er legte die Cigarre bei Seite und ergriff die Hand seiner Mündel. „Sie leiden, liebes Kind, leiden mehr als Sie mich's merken lassen wollen, doch Ihre bleichen Wangen verrathen Sie. Seit jenem unheilvollen Tage, an dem ich gezwungen war, jene unglückselige Mittheilung Ihnen zu machen, habe ich dieser Verhältnisse nicht wieder erwähnt, doch nichts desto weniger habe ich Sie keinen Moment aus dem Auge verloren." „„Ich weiß es,"" sprach Helene leise, „„Ihre zarten rücksichtsvollen Aufmerksamkeiten, Ihre unablässigen Bemühungen, mir Zerureuung zu bieten, die Sie an die eigene Bequemlichkeit und Gewohnheit vollständig vergessen läßt. — Wenn ich nur je im Stande wäre, meinen Dank — „Bitte, liebes Kind, thun Sie mir den erazigen Gefallen und reden Sie mir nicht von Dank Aber es freut mich, freut mich innig, daß Sie wenigstens meinen guten Willen anerkennen, denn von etwas anderem kann nicht wohl die Rede sein, da Ihr Trübsinn allen meinen Bemühungen, Sie zu zerstreuen, spottet. Ja, mein liebes Kind, ich habe Sie scharf beobachtet und viel und vielfach überlegt, wie Ihnen zu helfen, Helene, und als Ihr Vormund, als derjenrge, der Ihnen die unseligen Eröffnungen gemacht, die am besten für Sie und für alle Welt stets Geheimniß geblieben wären, fühle ich mich geradezu verpflichtet, alles Mögliche aufzubieten, die Wunde zu heilen, die meine vielleicht übertriebene Gewissenhaftigkeit Ihnen zugefügt. Wollen Sie mir erlauben, Helene, das Uebel, an dem Sie kranken, beim rechten Namen zu nennen?" Dunkle Gluth überzog für einen Augenblick ihr Antlitz. „„Wenn Sie es aus irgend einem Grunde für zweckmäßig halten, wollen Sie meine Empfindlichkeit nicht schonen, Herr Commerzienrath."" „Armes Kind, armes Kind," er streichelteleise ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt, dann ließ er sie los, erhob sich, machte einen Gang durchs Zimmer und setzte sich von Neuem ihr gegenüber. „Ich halte es allerdings für unumgänglich. liebe Helene, offen mit Ihnen zu reden. Ich habe, wie ich bereits erwähnt, Sie unablässig beobachtet und habe bemerkt, daß Sie die Farbe wechselten, .so oft Sie mit Ihrem Familiennamen angeredet worden. Nach den Mittheilungen, die ich gezwungen war, Ihnen zu machen, kann ich hieraus nur einen Schluß ziehen, daß Sie — sich Ihres Namens schämen," fügte er leise hinzu. Helene schlug beide Hände vors Gesicht, ein leises Beben durchzuckte ihren Körper. „Verzeihung, liebes Kind, daß meine Worte Sie verletzen, aber der Arzt muß die Wunde berühren, die er heilen soll, und ich möchte die Ihrige so gerne heilen. Aber für oder vielmehr gegen Ihr Uebel gibt es nur ein einziges Mittel. — Sie müssen Ihren Namen ändern." Er hielt inne, als erwarte er eine Frage ihrerseits, doch sie schaute schweigend zu Boden und nur ihr rascheres Athmen zeigte ihre Erregung. Der Commerzienrath fuhr fort: „Ich ging eine Zeit lang mit dem Plane um, Sie, liebe Helene,