Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1876)
- Date
- 1876-12-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1124 „„Nun, so fragen Eie mich!"" „Also, was wollen Sie, Herr Weiß?" „„Gar nichts will ich von Ihnen, aber verschaffen will ich Ihnen etwas. Hunderttausend Gulden Münz*) und ein Mädchen!"" „Sie sind ein Schadchen." „„Denken Sie nur nicht gering von meinem Gewerbe; dos ist das wichtigste in der ganzen Welt, und bei uns Juden durchaus nothwendig. Sehen Sie, die Nichtjuden, die haben ihre Bekanntschaften , ihre Ausflüge und ich weiß nicht, was sonst noch Alles. Da brauchte keine Schadchonim; die finden sich schon allein zusammen. Aber bei den frommen Jehudim — was wollte die Welt anfangen ohne Schadchonim? Wir sind, wie ich neulich einmal gelesen, die Werkzeuge in der Hand der Vorsehung. Wir bringen zusammen, was sich sonst nie gefunden hätte, und immer gibt's musterhafte Ehen. Also, Herr von Bronner, hunderttausend Gulden Münz! In dieser nachkrachlichen Zeit ist das viel Geld, viel Geld! Und noch obendrein ein Mädcken, sage ich Ihnen, und was für ein Mädchen! Ich bitt' Sie, mit hunderttausend Gulden Münz dürft' ein Mädchen einen kleinen Höcker haben, auf beiden Augen schielen, ein wenig hinken und wäre doch schön'! Aber das Mädchen, das ich Ihnen zu den hunderttousend Gulden Münz empfehle, ist wirklich sehr ein schönes Mädchen, Was gewählt werden darf als Göttin der Schönheit für jede Kunstausstellung. Dabei fromm, jung, brav, tugendhaft. Sie werden mir ewig dankbar sein!"" „Mein lieber Herr Weiß, ich danke Ihnen schon jetzt für die hunderttausend Gulden und für das Mädchen. Das Geld brauche ich nicht, und ein Mädchen mag ich mir nicht von Ihnen empfehlen lassen." „„So wollen Sie wohl Ihre Cousine heirathen, das Fräulein von Bernstein? Habe ich mir's doch gleich gedacht."" „Mein lieber Herr Weiß, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Tag zu wünschen." Bei diesen Worten verdoppelte Abraham seine Schritte, und während der kurze, dicke Schadchan ihm unaufhörlich nachrief: „Herr von Bronner, auf ein Wort, nur ein Wort!" war er bald weit genug entfernt, um nicht befürchten zu brauchen, von ihm eingeholt zu werden. Die Begegnung mit dem possierlichen Männ¬ *) Im Gegensätze zu „Gulden Schein", was kaum die Hälfte. chen hatte den wohlthätigsten Einfluß auf Abraham gehabt; seine verzweifelte Stimmung war bedeutend gemildert worden. Er ging in ein am Wege liegendes Kaffeehaus und ließ sich eine Portion Eis geben. Mechanisch nahm er eine Zeitung in die Hand, in deren Inhalt er sich anscheinend vertiefte. Es war eine Abhandlung über die Lösung der orientalischen Wirren, die er vor sich harte. Wohl las er die Worte, doch der Sinn derselben blieb ihm verhohlen. Seine Gedanken schweiften anders wohin. Wie nahe hatte er sich heute Morgen seinem Glück geglaubt und wie weit entfernt war er jetzt davon! O, wenn dieser Hohenacker .... Doch, was ist das? Steht da nicht in der Zeitung — es war die „Neue freie Presse" — unter dem Strich, unter Rubrik „Kleine Chronik" der Name Hohenacker? Und zu seinem größten Erstaunen las Bronner die Notiz, die durch alle Zeitungen ging, daß ein Prinz aus einem regierenden Hause sich unter dem Namen Baron Hohenacker in M. aufhalte, um sich für den Uebertriit zum Judenthume vorzubereiten. ,£)," sagte Abraham, „die haben die Glocken läuten hören und wissen nict t, wo sie hangen. Das ist kein Anderer als Hohenacker, der sich unter der Leitung des Rabbiners von M. in der jüdischen Religion unterrichten läßt. Also hat er den Gedanken an Theresa noch nicht aufgegeben! Wie tief muß doch seine Liebe zu ihr sein,' daß er, wiewohl sie ihm keine Hoffnung gegeben, dennoch Alles thut, um sie zu erringen! Welch' ein Glück, daß ich das gelesen habe! Von dieser Minute an gebe ich den Gedanken auf, jemals Therese besitzen zu wollen. Mag sie den Mann heirathen, den sie liebt; sie hat es verdient, glücklich zu werden. — Wie wohlthuend ist doch ein fester, kräftiger Entschluß} Ich fühle, wie das Weh aus meinem Herzen schwindet, ich fühle mich beglückt, mit der Aussicht, daß dem edlen Mädchen ein frohes Lebensloos beschieden sein wird. Ich reise nach M., und wenn dieser Hohenacker wirklich und aufrichtig ein rechter Jude geworden, so beschleunige ich die Vereinigung der Liebenden." Noch an demselben Abend erhielt Herr Bernstein ein Briefchen, ik welchem ihm Abraham Bronner anzeigte, daß er auf unbestimmte Zeit verreisen müsse. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Main; (Mainzer Anzeiger).