Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1876)
- Date
- 1876-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1121 tvaä vor ihm entschiedene Mißbilligung gefunden. Schlüge nicht die Wucht einer solchen Gegenfrage alle Bedenken nieder, die man gegen den Austritt in Umlauf gebracht, selbst wenn sie an sich ein Mehreres bedeuteten, als die Wirklichkeit ihnen zuerkannt? „Aber das Beispiel der Hamburger Orthodoxen — nun, ich brauche es nach allem Obigen nicht zu verhehlen, daß nach meiner Ueberzeugung ein einsichtsvollere und entschiedenere Erwägung des für jüdische Gewissen allein Zulässigen auch dem Hamburger Compromiß das Wort nicht reden kann. Allein wenn man mir und meinen Gesinnungsgenossen vorwersend das Beispiel der orthodoxen Brüder in Hamburg entgegenhält, vergißt man doch ganz und gar, daß die dortigen Verhältnisse und die hiesigen im geraden Gegensätze zu einander sich befinden. Dort, in Hamburg, hat die große Hauptgemeinde nie den Boden gesitzes- Lreuer Orthodoxie verlassen. In ununterbrochener Folge standen nur dem orthodoxen Bekenntnisse treu anhängende Rabbiner an der Spitze der religiösen Leitung und alle Institutionen stehen unangetastet auf diesem gesetzlichen Grunde. Dort wird keinem orthodoxen Juden zugemuthet, Mitglied einer Reform-Synagogengemeinde zu sein. Zumuthunaen, wie sie uns hier gestellt werden, würden auch die uns gleichgesinnten Brüder in Hamburg mit Entschiedenheit von sich weisen. „Aber der „Friede, der Gemeindesriede, Friede mit den Zurückbleibenden, den der Austritt gefährden soll — ist denn nicht auch dem orthodoxen jüdischen Gewissen der Friede ein heiliges Gut, geht ihm nicht o'b& über Alles? Ueber Alles? Gewiß nicht! Das sagt kein achter orthodoxer Jude. Auf alles Meinige, auf Alles, worüber mir eine Verfügung zusteht, darf ich, ja in gewissen Fällen muß ich verzichten um des Friedens willen. Ich darf, ja muß erforderlichen Falls, Vermögen, Rechtsanspruch, ja, im geselligen Verkehre auch die Wahrhaftigkeit einer augenblicklichen Aeußerung opfern, wenn es gilt, einer Friedensstörung vorzubeugen oder gestörten Frieden wiederherzustellen. Aber, was nicht mein ist, was Gottes ist, die göttliche Wahrheit, die Wahrhaftigkeit meines Lebens, der Friede mit meinem Gotte, der Friede mit meinem Gewissen, der darf mir nicht feil sein, den darf ich selbst um den Frieden mit Menschen nicht opfern, von dieser Wahrheit, im Ernste des Lebens, wo man Wahrheit, nichts als Wahrheit erwartet, da heißt es: „Wahrheit kaufe, aber verkaufe sie nicht," für diese Wahrheit opfere Alles, aber verschachere sie nicht — „die Wahrheit und den Frieden liebet", erst die Wahrheit, dann den Frieden. Wenn dir die göttliche Wahrheit gesichert ist, die Wahrhaftigkeit deines Lebens klar gestellt ist, dann suche den Frieden mit Menschen. „Und handelt es sich denn überhaupt bei dieser ganzen Frage um den Frieden mit Menschen, um den Frieden mit meinen anders gesinnten Brüdern? Ist doch diese ganze Friedensklage nichts als ein täuschendes Manöver, von Denen in Scene gesetzt, die nicht den Frieden und nicht die Wahrheit, die den Unfrieden und die Unklarheit der Verhältnisse für die Behaglichkeit ihres Denkens und Wollens zusagender finden. Ich habe die feste Ueberzeugung, ohne diese Trübung und leidenschaftliche Erregung der Gemüther, hätten meine andersgesinnten Brüder es als ganz Natürliches, als etwas mit Nichten sie persönlich Verletzendes gefunden, wenn nach dem uns nun gewordenen Rechte gewisseusfreier Selbstbestimmung ich und noch Hunderte mir gleichgesinnter Genossen aus den widernatürlichen, wahrheitswidrigen Hörigkeitsbanden zur Reformgemeinde ohne Weiteres ausgetreten wären. Sie haben gar keine andere Wirkung von dem Gesetze des 26. Juli erwartet, und hätten darin keine u n eine Haarbreite größere Entfernung von ihnen erblickt, als schon bis jetzt seit Jahrzehnten bestanden. Es ist ja nicht ein Austritt aus den menschlichen, socialen Beziehungen zu den Brüdern, es ist ein Austritt aus dem Bekenntnißsystenn, das von der moralischen Person der Reform gemeinde getragen, gelehrt und vertreten wird; ja, es ist nicht einmal dies, nicht einmal eine erst jetzt beginnende Lossagung von diesem Bekenntnißsyst.'me, es ist ja nur eine erst jetzt möglich gewordene legale Bekennung einer Bekenntnißtren'nung, die sich schon 'seit mehr als einem halben Jahrhundert thatsächlich vollzogen, und zwar einer Trennung, die nicht von den Orthodoxen ausgegangen, zu welcher vielmehr die herrschend gewordene Neologie sie gezwungen. (Fortsetzung folgl.) Zeitungsnachrichten und Cvrrefpondenzen. Deutschland. MnittZ, 3. Dec. Der Vorstand der israel. Gemeinde dahier hatte auf heute Vormittag circa 70 Gemeinde-Mitglieder zu einer Berathung wegen der hier schwebenden Friedhofs-Frage eingeladen. Wie unsere geehrten Leser wissen, muß der alte, etwa 1500 Jahre zählende Friedhof in Folge der Stadterweiterung geschlossen werden; alle Proteste des Vorstandes blieben erfolglos, da das Ge-