Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1876)
- Date
- 1876-11-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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3104 Feuilleton. Prrsklylkii. Von Friedrich Rott. xxvm. Kopfschüttelnd gehorchte Susanne und blieb besorgt ihrer jungen Herrin zur Seite, als diese hastig die Stiegen hinunter eilte, in's Speisezimmer zu gelangen. Der Commerzienrath war noch nicht anwesend, doch trat er gleich nach ihr in's Zimmer. „Ei guten Morgen, mein liebes Kind. Das ist ja ein seltsames Ereigniß, Sie vor mir hier zu sehen, deutet hoffentlich auf recht guten Appetit Ihrerseits. Wie befinden Sie sich denn, meine theure Helene? sehen ein bischen blaß aus, liebes Kind; darf ich Ihnen ein Gläschen Madeira anbieten?' Mechanisch nahm Helene das Glas, das er ihr reichte und führte es zum Munde; sie fühlte, daß Kräftigung ihr noth that, sie wollte mit ihm sprechen um jeden Preis, aber die Sprache versagte ihr. Sie saß wie gewöhnlich dem Commerzienrath gegenüber, der. nachdem er wiederholt den vergeblichen Versuch gemacht hatte, eine Unterhaltung anzuknüpfen, unter wiederholten tiefen Seufzern schweigend seine Mahlzeit einnahm. Erschaute mit dem Ausdruck ernstlicher Besorgniß zu dem bleichen jungen Mädchen hinüber, aber sein Appetit schien durch die Sorge durchaus nicht beeinträchtigt. Wie die Zofe es vorausgesetzt, Helene war nicht im Stande, auch nur das Geringste zu genießen. Mühlheim hatte endlich seine Mahlzeit beendigt und im Begriffe, sich zurückzuziehen, reichte er, wie gewöhnlich, seiner Mündel die Hand. „Ich kann Ihnen heute leider nicht gesegnete Mahlzeit wünschen, denn Sie haben gar nichts genossen; aber ich möchte Sie dringend ersuchen, liebe Helene, legen Sie sich ein Stündchen nieder, vielleicht wird Ihnen das wohl thun, denn Sie scheinen ernstlich zu leiden. Darf ich Ihnen Susanne schicken, daß sie Ihnen behilflich ist?" Helene verneinte mit hastigem Kopfschütteln, sie preßte die Hand auf's Herz und mit großer Anstrengung brachte sie endlich die Bitte hervor, er möge ihr eine kurze Unterredung bewilligen. Der Commerzienraih schien verlegen, sein Blick streifte den Diener, der ab und zu ging und mit dem Räumen des Zimmers beschäftigt war. „Wollen Sie mich in mein Zimmer begleiten, liebe Helene?" Helene nickte bejahend und erhob sich. Er bot ihr galant den Arm und bat sie, sich nur recht fest auf ihn zu stützen, und langsam schritten Beide Mühlheim's Arbeitszimmer zu. „Ich glaube, Sie kennen mein Zimmer gar nicht? doch? ich erinnere mich nickt. Sie schon bei mir gesehen zu haben. Aber so unmittelbar nach Tische fühle ich mich nirgend so behaglich, als hier in meinem Schaukel- Stuhl. Bin freilich auf Damenbesuch gar nicht vorbereitet, aber meine liebe Mündel nimmt es mit dem alten Vormund nicht so genau. So, nun setzen Sie sich hier in dieses Fauteuil und ich altes Kind setze mich Ihnen gegenüber in meinen Wiegenstuhl. Und nun, liebste Helene, sagen Sie mir, womit kann ich Ihnen dienen? was kann ich für Sie thun?" Helene wollte beginnen, doch es war ihr unmöglich; sie preßte beide Hände auf die Brust und rang vergebens nach Worten. Voll inniger Theilnähme ruhte das Auge ihres Vormunds auf ihr. „Ich vermuthe, liebes Kind, Sie wollten einige Fragen an mich richten, doch es wird Ihnen schwer. Darum will ich es für Sie thun, und nicken Sie nur, wenn ich das Richtige getroffen. Also vor Allem wollten Sie fragen, ob Herr Werner heute bei mir gewesen?" Sie neigte bejahend das Haupt. „Sodann wünschen Sie zu wissen, ob er nicht bei mir um Ihre Hand angehalten — auch das ist geschehen. Und endlich möchten Sie meine Antwort kennen. — Nun, mein Kind, ich glaube, die werden Sie errathen haben; ich erwähnte doch noch gestern, wenn ich eine Tochter hätte, würde ich Herrn Werner mir als Schwiegersohn wünschen. Konnten Sie da zweifeln, daß ich mit Freuden meine Einwilligung gegeben?" Helene athmete hoch auf, ihre Augen leuchteten und ehe er's verhindern konnte, hatte sie seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gezogen. Wonnig durch schauerte es den alternden Mann, doch er wußte sich zu beherrschen. „Armes Kind," sprach er leise, „mein armes, armes Kind!" Sie fuhr zusammen. „„Warum?"" stammelte sie, „„mein Gott! warum?"" „Helene, mein liebes, gutes Kind, Sie sind noch sehr jung, aber ich habe trotzdem schon wiederholt Ihren, starken Geist bewundert; ich hoffe mit Zuversicht, Sie werden mir auch jetzt wieder Gelegenheit bieten, ihn zu bewundern." Ein heftiges Zittern hatte das junge Mädchen überfallen, angstvoll schaute sie zu ihm auf. „Wenn Sie nur wüßten, wie es den alten Mann schmerzt, sein theures Kind leiden zu sehen. Mein Herzblut gäbe ich hin, könnte ich's Ihnen ersparen, aber —" Wie im Fieberfrost schlugen ihre Zähne an-