Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1876)
- Date
- 1876-11-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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1105 «inander. „„Sagen Sie mir Alles,"" bat sie flüsternd, „„aber schnell — Alles — Werner? — Die Stimme versagte ihr. „Liebes Kind, Sie müssen stark sein; doch ich glaube, es wird am besten sein, wenn ich ihnen den ganzen Sachverhalt so kurz als möglich mittheile. Nachdem ich also, wie bereits erwähnt, Herrn Werner rückhaltlos meine Einwilligung zu einer Verbindung mit Ihnen gegeben, denn Ihre Neigung zu ihm hatte ich langst errathen, war ich im Begriff, zu Ihnen zu eilen, um Sie von seinem Anträge inKenntniß zu setzen. Doch der junge Mann hielt mich zurück And ersuchte mich, bevor ich die Sache als abgeschlossen betrachte, ihm 'einige Mittheilungen über die verstorbenen Eltern seiner Geliebten zu machen. Er richtete Fragen an mich als an Ihren Vormund, versicherte, er verlasse sich in Allem auf meine Ehrenhaftigkeit, und werde keine weitern Erkundigungen einziehen. Aber, theuerste Helene, gerade dadurch war ich doppelt gezwungen, seine Fragen der strengsten Wahrheit gemäß zu beantworten." „„Und? und? — „Mein liebes, gutes Kind," — er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und Augen, „mein liebes, gutes Kind. Sie sind noch so jung und so unschuldig, so rein — ich weiß in der That nicht, wie ich es Ihnen mittheilen soll." Er rieb sich die Stirn, als könnte er einen guten Gedanken Heraustreiben. Ein heftiges Zittern hatte das arme Mädchen überfallen. „Bitte," stammelte sie, „bitte, ich muß es wissen."' „„Sie haben Recht, K'nd, Sie müssen es wissen. — Aber die Sache ist bei Weitem nicht so arg, wie der Werner sie macht. Ich habe ihm das auch gesagt und ihm erklärt, ich an seiner Stelle würde keinen Augenblick Anstand nehmen, Ihnen meine Hand zu reichen, aber — was wollen Sie, er ist ein überspannter Mensch. Und als ich ihm nach seinen drängenden Fragen es nicht verschweigen konnte, daß Ihre Eltern, liebe Helene, wie es leider der Fall gewesen, schon vor ihrer Verehelichung zusammen gelebt, und erst auf dem Sterbebette Ihres Vaters ehelich verbunden worden sind, da gerieth der überspannte Mensch außer Rand und Band und erklärte es nicht vereinbar mit seiner Ehre, ein Kind der Liebe, wie er sich ausdrückte, zu seiner rechtmäßigen Gattin zu machen. Vergebens stellte ich ihm vor, daß kein Mensch Ihre Legitimität angreifen könne, denn Sie sind erst nach dem Tode Ihres Vaters, also nach der Verehelichung Ihrer Eltern, geboren; doch mit dem Unverstand kämpfen die Götter vergebens. Aber um Gotteswillen! liebste, theuerste Helene! —"" Doch er mochte reden, was er wollte, sie hörte ihn nicht, das fchmerzzuckende Antlitz in Heiden Händen bergend, war sie in ein lautes, heftige» Weinen ausgebrochen. Zu viel, zu viel für ihr liebendes, reines Herz, verschmäht von dem Geliebten und der verstorbenen Eltern sich schämend. — In wirklicher Angst und Sorge trippelte der Commerzienrath um sie herum und trachtete vergebens , durch tröstenden Zuspruch sie zu beruhigen. Bald streichelte er ihre kalten Hände, bald strich er mit den Fingerspitzen einige sich hervordrängende Locken ihr aus dem erhitzten Gesicht. Doch als allmählich das wilde Schluchzen nachließ, und sie anfing, ruhiger zu werden, da wußte er seinen Vortheil noch bester zu wahren und indem er Werners Ueberspanntheit schmähte, wußte er ihm Worte in den Mund zu legen, die das Gefühl ihrer Scham noch erhöhten und den Namen, den sie trug, ihr geradezu verhaßt machen mußten „Und nun beruhigen Sie sich doch, Helene, mir zu Liebe, suche» Sie sich zu fassen, gilt denn der alte Mann, der Sie so herzlich liebt, Ihnen gar nichts? Hat eS denn gar keinen Werth für Sie, wenn ich Ihne» zuschwöre, daß an Ihrer Persönlichkeit auch nicht, der leiseste Makel haftet, und daß nur die überspannteste Ueberspanntheit Werners Benehmen erklärlich macht. Er kann Sie nie geliebt haben, unmöglich, sonst könnte er nicht aus einem so nichtigen Grunde mit Ihnen brechen. Darum, theure Helene, müssen auch Sie ihn möglichst rasch vergessen. Wissen Sie, was ich glaube? Der junge Mann hatte es mehr auf Ihr Vermögen als auf Ihre Person abgesehen und weil es denn doch nicht zu leugnen ist, daß auf Ihrer Geburt ein leiser Makel haftet» so fürchtet er, mau könnte Ihr Vermögen Ihnen noch streitig machen. So wird'S sein und nur so läßt sich seine Uebertriebenheit erklären. — Und nun bitte, bitte liebes Kind, seien Sie stark, suchen Sie den Unwürdigen ^u vergeh» sen. Denn in Wirklichkeit, liebe Helene, ich möchte es fast als Glück betrachten, daß dieser Werner, den wir Beide für so rein, so edel, so uninteressirt gehalten haben, daß er sich, noch bevor er Ihnen näher getreten, in seiner wahren Gestalt gezeigt hat. Bedenken Sie, liebes Kind, welch' ein Lebe» hätte Sie erwartet an der Seite ein s Mannes, der Sie nur Ihres Geldes willen geheirathet." So trachtete er nach besten Kräften, Trost und Beruhigung ihr zu bieten, und total erschöpft von der furchtbaren Aufregung, ließ sie sich endlich willenlos wie ein Kind von ihm in ihr Zimmer sich geleiten, wo er sie der Obhut und Pflege ihrer treuen Dienerin übergab. Nachdem er Susanne empfohlen, ihre junge Herrin baldmöglichst zur Ruhe zu bringen, zog er sich zurück, doch voa Viertelstunde zu Viertelstunde erschien er in Hele-