Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1876-11-29 · Heft 48 (29.11.1876) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 48 (29.11.1876)
Date
1876-11-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447645-2447690--13148-2469003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1103 Pflicht gehalten, diese Anstalt zu besuchen, und erlaube mir, Ihnen einige Details über dieselbe zu geben. Dieselbe ist in einem, an eine Synagoge anstoßenden Locale untergebracht, das sehr vernachlässigt au-sieht, und umfaßt 55, in 2 Classen getheilte Zöglinge, die nur Hebräisch, und was für eins! lernen. Die Zöglinge der 2. Classe (32) kennen kaum die Buchstaben, und die der ersten können nur mühsam einen Bibelvers lesen und Einige noch mühsamer ihn übersetzen; man gibt ihnen nicht die geringste Vorstellung von den elementarsten Regeln der Grammatik. Von Disciplin ist in der Talmud Thora von Gibraltar nicht eine Spur zu finden: als ich um 11 Uhr 15 Minuten Vormittags dort war, waren von den 23 Schülern, welche die 1. Classe bilden, nicht mehr als 5 anwesend, obgleich der Unterricht schon um 9 Uhr beginnen soll; ein Zögling kam während meiner Anwesenheit an, küßte dem Rabbi die Hand und begab sich auf seinen Platz, ohne daß man sich nur die Mühe gab, ihn nach dem Grunde seiner Verspätung zu fragen. Dies mag Ihnen einen Begriff von der Disciplin der Anstalt geben. Uebrigens giebt es da keine Controle, keine Beschwerde; die Schüler können fehlen, so viel sie wollen, Niemand wird von ihnen Rechenschaft fordern. Oefter hat man sich die Reorganisation der Talmud Thora angelegen sein lassen, aber da Beständigkeit eine, wie es scheint, in Gibraltar wenig bekannte Tugend ist, so ist das Unternehmen bis jetzt vertagt worden. Die englische Regierung ist sehr geneigt, zu den Kosten der Anstalt beizutragen, vorausgesetzt, daß man sie organisirt und den Unterricht der englischen Sprache und der anderen Elementargegenstände aufnimmt; aber bis jetzt hat man noch nicht daran gedacht, hiervon Nutzen zu ziehen. Es wäre wohl Zeit, daß dieser Zustand der Dinge verbessert werde, und die Alliance oder die Anglo Jewish-Association sollte die Initiative ergreifen. — Die englische Regierung unterhält in Gibraltar eine öffentliche Schule, die von 10 Israeliten besucht wird; außerdem giebt es dort 4 Privatschulen, die zusammen von ca. 40 israel. Knaben besucht werden. — Auch die Gibraltar Public School wird von der Regierung erhalten und unter Anderen von 40 israelitischen Mädchen besucht. Endlich ist noch ein israelitischer Verein, Oz Vehadar, zu erwähnen, der eine kleine Schule für 6 arme Mädchen unterhält. Vor der Revolution von 1868 hat die spanische Regierung in Ceuta kaum die Israeliten geduldet. Jetzt sind daselbst 20 Familien etablirt, und außerdem halten sich hier, wo ein lebhafter Handel zwischen Gibraltar und Tetuan stattfindet, beständig 30 Israeliten ohne Familie auf, theils dauernd, theils auf der Durchreise. Auch haben sie schon eine kleine Synagoge, und neulich ist die Gemeinde bei folgender Veranlassung von der Regierung anerkannt worden: Als nämlich der gegenwärtige Gouverneur dort ankam, ging eine Deputation der Israeliten zu ihm. ihn zu bewillkommnen, wobei der Gouverneur versprach, der israelitischen Gemeinde Hilfe und Protection zu gewähren, eine Thatsache, die wohl constatirt zu werden verdient, da es sich um eine spanische Stadt und einen spanischen Gouverneur handelt. England. London. Das „Board of Guardians" wird nunmehr, wie „Jew. Chr." schreibt, in der Angelegenheit des Findlings Samuel Fountain die Hilfe der Gerichte in Anspruch nehmen. Die am 15. November 1875 verstorbene Katharina Samuel hat verschiedenen jüdischen und allgemeinen Wohlthätigkeitsanstalten 1786 L. vermacht. Lottdoit. Als Beweis, wie weit die Bekehrungs - und Verfolgungsfucht der engl. Missions- Gesellschaft geht, berichten die Londoner jüdischen Zeitungen, daß der Mörder Th. Marks, von dem wir neulich berichtet, vor dem Geschworenengericht folgende Erklärung zu Protokoll gab: „Als ich nach meinem Verhör in meine Gefängnißzelle zurückgebracht worden, fand ich daselbst ein großes Paüket von Tractätlein, die die Missionsgesellschaft unter den Juden zu vertheilcn pflegt. Es scheint, daß diese Gesellschaft auch mich gerne fischen möchte. Ich erkläre hiermit öffentlich, daß ich meine Religion nie wechseln werde." Serbien. Belgrad. Fräulein M erkus, eine Amazone, von der man in der jüngsten Vergangenheit viel gesprochen, ist vom serbischen Kriegsschauplätze entfernt worden. Sie versteht 9 Sprachen und spricht geläufig hebräisch. Dieselbe ist auf der Insel Java geboren und zeigt große Liebe für Jerusalem; sie glaubt an eine baldige Rückkehr der Juden nach Palästina. Man vermuthet daher, daß Fraulein MerkuS Jüdin sei. (Un. JSr.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.