Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1876)
- Date
- 1876-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1094 rühmten und bedeutenden Banquier - Hauses Holländer und Lehren, war im Jahre 1795 in Haag, der Residenzstadt des Königs der Niederlande, damals noch des General-Statthalters, geboren. Sein Vater, Rabbi Moscheh Lehren, aus Mannheim gebürtig, war dort Vorsteher der deutsch-israelitischen Gemeinde und zugleich — unentgeltlich — Dajon (Rabbinatsasjesso r); seine Mutter war eine Enkelin des berühmten Talmudisten Rabbi Me'ir Fischels (in Noda Bijehuda als R. Me'ir Bunzlau bezeichnet) aus Prag. Drei Söhne und drei Töchter entsprangen dieser Ehe, lauter hervorragende Männer und Frauen. Der älteste Sohn w^r der weltberühmte Rabbi Hirsch Lehren, groß durch Frömmigkeit, durch Gelehrsamkeit, durch Heiligkeit des Lebenswandels, durch Feuereifer für Gott und Seine heilige Lehre. Er siedelte schon früh nach Amsterdam über, heirathete die einzige Tochter des Banquiers Rabbi David Holländer und wurde dessen Compagnon, daher die Firma Holländer und Lehren. Auch die Brüder traten später in das Geschäft; der zweite, Rabbi Meir Lehren, war Jahrzehnte lang erster Vorsteher der deotsch-iSraelitischen Gemeinde und hat sich um die Institutionen derselben unendliche Verdienste erworben. Der Dritte und Jüngste war Rabbi Akiba; bedeutend jünger als sein ältester Bruder, heirathete er dessen einzige Tochter, Frau Carolina Lehren rpniJBn rvo* 'in**1 Dwn; außer ihr betrauert die einzige, überlebende Schwester, Frau Sara Solomons D’Diü O'O' fiuo i'linw den theuren Dahingeschiedenen. Das Leichenbegängniß fand heute, den 21. No- >oember, unter ungeheurer Theilnahme statt. Man schätzt die Zahl derer, die der Leiche folgten, auf 5000, darunter die Vornehmsten und Geehrtesten der Stadt; man bemerkte auch viele Nichtjuden von Distinction. Der älteste und bedeutendste Friedhof der deutsch-israel. Gemeinde zu Amsterdam liegt nicht weit vom Meeresufer, am Muiderberg, über vier Stunden von der Stadt entfernt, die per Wagen in zwei Stunden zurückgelegt werden. Viele Hunderte scheuten den weiten Weg nicht. Es ist ein imposantes Todtenfeld von fast unübersehbarer Ausdehnung. Als die Juden sich in Amsterdam ansiedelten, wollte kein Grundeigenthümer ihnen einen Acker zum Friedhof verkaufen. Da kam es , daß dieser Acker - Complex verauctionirt werden mußte. Um den Ankauf den Juden unmöglich zu machen, setzte man den Termin auf on “iibo an; aber ein christlicher Mäkler kaufte das Feld und verkaufte es der jüdischen Gemeinde wieder. — Die musterhafteste Ordnung herrscht auf diesem Friedhofe. Eine Reihe ist für die Rabbinen bestimmt, eine andere für gelehrte Privatleute unio, eine dritte für die Gemeindevorsteher, eine vierte für die Mitglieder der Chebra Kadischa und so fort. Ein großes Grundbuch bezeichnet jedes einzelne Grab auf das Genaueste. Bon den berühmten Männern, die dort ruhen, nennen wir nur die Oberrabbinen R. Arjeh Löw und dessen Sohn Rabbi Schoul, Verfasser des bdr'i»»\pa. Rabbi Akiba Lehren hatte vor seinem Tode befohlen, daß Niemand eine Leichenrede halten solle, nur dem Oberrabbiner, Herrn I)r. Dünner, solle man es nicht verwehren, wenn er sprechen wolle. Außerdem solle der Lehrer am Waisenhaus, Rabbi David Schließ einige ihm vorge-- schriebene Worte sprechen. Hr. vr. Dünner sprach nun auch länger als eine Stunde, und zwar in holländischer Sprache. Wir wollen den Inhalt der vortrefflichen Rede hier kurz wiedergeben, schicken aber voraus, daß es wohl möglich ist, daß wir das Eine oder das Andere nicht recht aufgefaßt, da ja das Holländische immerhin eine uns fremde Sprache ist. Im Großen und Ganzen glauben wir sie aper richtig verstanden zu haben. Der Redner schilderte zunächst in ergreifender Weise den großen Verlust, den Amsterdam, den Holland, den ganz Israel, den die ganze Welt durch den Hintritt dieses vorzüglichen Mannes erlitten. Die innige Frömmigkeit, das große talmudische Wissen, die unbeschreibliche Wohlthätigkeit des Dahingeschiedenen suchte der Redner in wenigen Worten darzulegen. „Aber das Alles," fuhr er fort, „machte das eigentliche Wesen, die eigentliche Größe des Mannes nicht aus. Sein unsterbliches Verdienst ist das, daß er das alte, echte, wahre, unverfälschte und unverkürzte traditionelle Judenthum für Amsterdam und die ganzen Niederlande auf wenige Zeiten erhalten, ja, gerettet habe. Und daß ihm und nur ihm das möglich war, das characterisirt zugleich diesen großen Mann. In den israelitischen Gemeinden der Niederlande haben die Stürme nicht gewüthet, die anderswo das Judenthum oder vielmehr die Judenheit zerklüfteten. Man gibt dafür zweifache Gründe an; erstens sei die religiöse Partei in Holland noch zu weit zurück und zweitens sei die Partei der Modernen zu indifferent. Beides ist nicht wahr. Die Parteien in Holland stehen hinter denen in anderen Ländern in keiner Weise zurück. Aber der große Mann, an dessen Bahre wir hier trauernd stehen, hat es vermocht, das traditionelle Judenthum vor verheerenden Kämpfen zu schützen. Es waren namentlich drei Eigenschaften, die ihn dazu befähigten: seine tiefe, innige Religiosität, sein klarer heller Verstand und seine unbegrenzte