Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1876)
- Date
- 1876-11-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1080 Feuilleton. Proselyte«. Don Friedrich Rott. XXVII. Mit fast übermenschlicher Anstrengung rang Werner nach Fassung. „Schmähen Sie Ihre Gewissenhaftigkeit nicht;" stieß er endlich hervor, den kalten Schweiß von der bleichen Stirn trocknend, „ich bin Ihnen Dank schuldig — großen Dank — mag auch das Herz mir brechen —" „„Wer wird von Herzbrechen reden;"" rief der Commerzienrath, plötzlich einen scherzenden Ton anschlagend; „„warten Sie, ich hole die holde Braut, die wird die Grillen schon bald vertreiben."" Er schien der Thür zueilen zu wollen; Werner hielt ihn mit Gewalt zurück. „Nicht so, nicht sostammelte er, „ich darf sie nicht Wiedersehen." „„Um Gotteswillen, theurer Freund, verstehe ich Sie recht? " „Ich darf nicht," wiederholte Werner mit bebenden Lippen, und von wildem Schmerze plötzlich übermannt, schlug er beide Hände vor's Gesicht, und ein konvulsivisches Schluchzen erschütterte seinen Körper. Der Commerzienrath schien in Verzweiflung und bot alle seine Beredsamkeit auf, den auf's Aeußerste Erregten zu beruhigen. „Ich bitte Sie um des Himmelswillen, lieber, bester Freund, betrachten Sie die Sache doch nicht von so äußerst übertriebenem Standpunkt. Ich, als Vormund Ihrer Braut, hielt mich zwar verpflichtet, Sie über ihre Verhältnisse genau zu instruiren; aber ich gestehe offen, hätte ich eine Ahnung davon gehabt, daß Sie die Sache so aufnehmen würden, ich hätte mir's doch zweimal überlegt. Bedenken Sie doch, lieber Freund, jede Sache hat zwei Seiten. Sie sind ja gar nicht mehr berechtigt, so ohne Weiteres zurückzutreten, nachdem Sie meiner Helene bereits Ihre Neigung gestanden, und das Geständniß der ihren entgegengenommen haben. Und warum wollten Sie denn auch ohne zwingenden Grund auf ein wirkliches Glück verzichten? Sie lieben Helene aufrichtig und das arme Kind — ich wage es gar nicht zu denken, wie sie den Bruch ertragen würde. Nein, lieber Freund, ich nehme an, Sie haben Ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. Sie sind erregt, meine Mittheilungen haben Sie erschüttert, das finde ich ganz natürlich; aber eben deßhalb ist Ihr Kopf augenblicklich nicht ganz klar, und Sie sind im Moment nicht im Stande, einen endgültigen Entschluß zu fassen. Ueberlegen Sie sich die Sache ein paar Stunden, meinethalben ein paar Tage, und ich bin überzeugt, wenn Sie ruhiger geworden sind, wird Ihnen das Ganze nicht so arg erscheinen. Ich hoffe, Sie werden mir das Zeugniß nicht versagen, daß ich es in dem Punkt der Ehre auch nicht gerade leicht nehme, aber ich gebe Ihnen meine heiligste Versicherung, daß ich an Ihrer Stelle keinen Moment zögern würde, Helene zu meiner Gattin zu machen. Ich hatte mich vorhin so gefreut, als Sie den Anfang meiner Mittheilungen so vernünftig, so einsichtsvoll beurtheilten, und ich hoffe, nach ein paar Stunden ruhiger Ueberlegung werden Sie Ihr klares Urtheil wieder gewinnen und die Sache mit ganz andern Augen betrachten." Leo schüttelte heftig den Kopf; mit Aufbietung aller seiner Kräfte war es ihm endlich gelungen, wenigstens äußerlich, jede Schwäche zu überwinden. „„Nie,"" sprach er, „„nie werde ich die Sache anders betrachten können. Helenens Mutter war Nichtjüdin, folglich ist sie es auch."" „Sie vergessen, daß ich doch erwähnte, daß sie vor der Trauung zum Judenthume übergetreten." „„Sie erwähnten jedoch gleichzeitig,' daß bei ihrem Uebertitt, keine der rituellen Vorschriften beobachtet wurde."" „Das kann ich freilich nicht in Abrede stellen, denn mein Freund selbst hat es mir mitgetheilt und sich in seiner jovialen Weise noch Jahre nachher in der Erinnerung gefreut, daß es ihm nicht nur gelungen, einer armen Wittwe und ihrem Kinde ihr Vermögen zu retten, sondern nebenbei noch der ganzen hochadeligen Familie des Barons, die auf sein Erbe hoffte, ein Schnippchen zu schlagen. Ich konnte mich freilich nicht enthalten, meinem Freunde Vorwürfe zu machen, daß er bei dem Uebertritt der Convertitin so ganz und gar jede rituelle Vorschrift bei Seite gelassen; denn wenn ich auch für Dinge, die mich betreffen, ganz nach meinem Belieben handeln kann, in den Angelegenheiten eines Andern muß ich mich streng nach der bestehenden Vorschrift richten, das ist mein Grundsatz. Mein Freund war freilich in gewisser Beziehung zu entschuldigen, daß er davon abgewichen; hätte er Alles beobachten wollen, der Uebertritt hätte sich vor dem Tode des Barons nicht bewerkstelligen lassen, zur Trauung wäre es nimmer gekommen. Und nun, lieber Freund, nehmen Sie Vernunft an; alle Welt hat den Uebertritt der Baronin Mosbach anerkannt, auch die Behörden > also erkennen auch Sie ihn an und seien Sie glücklich mit meinem lieben Kinde."