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Der Israelit · 1876-11-22 · Heft 47 (22.11.1876) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 47 (22.11.1876)
Date
1876-11-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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1081 „„Ich kann nicht," murmelte Werner. „„Großer Gott! ich kann nicht."" Er war aufgesprungen, drückte dem Commerzienrath beide Hände. „Adieu, grüßen Sie Helene von mir." Er wollte forrstürzkn, Mühlheim hielt ihn zurück. „„Halt, lieber Freund, nur keine Uebereilung. Lassen Sie uns die Sache doch noch einmal in Ruhe überlegen. Was bei der Mutter versäumt worden, könnte das die Tochter nicht nachholen? Helene liebt Sie, um Ihnen anzugehören, würde ihr Nichts zu schwer erscheinen. Bleiben Sie hier, verziehen Sie eine Viertelstunde, ich suche das liebe Kind auf, setze ihr die Verhältnisse klar auseinander, und Sie werden sehen, aus Liebe zu Ihnen erklärt sie sich unverzüglich bereit, sich allen Observanzen zu unterziehen."" „Nein, nein, auch das darf ich nickt gestatten; einen Uebertritt, der nicht aus reinster, innigster Ueberzeugung geschieht, dürfen wir nicht nur nicht veranlassen, wir sind sogar verpflichtet, ihn zu hintertreiben." . „„Aber, du lieber Gott! wie können Sie denn erwarten, daß das arme Kind von irgend etwas überzeugt sein soll, was es gar nicht kennt?"" Schmerzlich seufzend zuckte Werner die Achseln. „Leben Sie wohl, grüßen Sie Helene." Der Commerzienrath rang die Hände. „„Was soll ich ihr sagen, wie ihr s Vorbringen?"" „Das weiß ich nicht;" flüsterte Werner, „Handeln Sie nach bestem Ermessen, ich bin keines klaren Gedankens fähig. Leben Sie wohl!" Er bot ihm die Hand, der Commerzienrath zog ihn an seine Brust. „„Leben Sie wohl, mein lieber, theurer Freund, den ich so gerne Sohn genannt hätte. Leben Sie wohl!"" Thränen erstickten seine Stimme. Leo entriß sich seinen Armen und stürzte fort. Wer den Commerzienrath beobachtet hätte in dem Moment, als die Thür hinter dem Davoneilenden in's Schloß siel, würde einen eigenthümlichen Anblick erlebt haben. Der schmerzliche Ausdruck seiner Züge war im Nu verschwunden, der kurze, untersetzte Mann hob sich auf den Fußspitzen, neigte den Oberkörper vor, spreizte beide Hände weit auseinander, berührte mit dem Daumen der linken Hand die Nasenspitze und mit dem Daumen der rechten Hand den kleinen Finger der Linken. In dieser grotesken Stellung verharrte er einige Augenblicke, dann aber brach er in ein lautes, wieherndes Gelächter aus, so daß er sich die Seiten halten mußte, und wälzte sich. noch immer lachend, von einem Fauteuil in's andere. „Narr, du — dreifacher Narr — zehnfacher! — uff! uff! ich ersticke vor Lachen. — Das ist aber auch gelungen, so gelungen! — Nun ist sie mein, das süße Täubchen mit den goldenen Federn, nun entreißt sie mir Keiner mehr. Das hast du gut gemacht, Alterchen," er nickte dem eigenen Bilde, das aus einem gegenüber hängenden Spiegel ihm entgegenlachte, freundlich zu. „vortrefflich. Alle Devrients miteinander hätten'S nicht besser machen können. Armer, frommer Narr, wie gutmüthig er die Kastanien für mich aus dem Feuer geholt hat; ich bin ihm wirklich großen Dank schuldig. Doch nun Scherz bei Seite, Alter, jetzt heißt's überlegen, wie wir's dem armen Kinde am gelindesten beibringen. Armes Kind, sie hat ihn gar zu gern, doch que faire? meine Schuld ift's nicht, und so weit es an mir liegt, will ich ihr gern Ersatz bieten. Hi, hi, hi, hi," er brach von Neuem in Lachen aus und nickte seinem Bilde freundlich zu. „Alter, Alter, was bist du für ein Schelm. — Doch nun muß eS mit dem „Alter" sein Ende haben, wenn man auf Freiersfüßen geht, sich eine junge siebzehnjährige Braut erobern will, muß man auch dem Atter ein Schnippchen zu schlagen wissen. Will doch noch heute mit dem Schneider reden, daß er mir einen etwas jugendlichen Anzug macht." Er schaute von Neuem prüfend in das gegenüberhängende Glas. „Hast dich recht gut conservirt, Alter, recht gut; deine Haltung ist würdevoll und entbehrt durchaus nicht der Eleganz. Doch was das Jugendliche betrifft, ich weiß doch nicht, ob ich es mir wieder zu eigen machen soll; mein armes Lenchen hat vorläufig kein Auge für äußere Schönheit, und selbst ein Adonis dürfte ihr kein Lächeln abgewinnen. Bleiben wir darum lieber bei dem Würdevollen, Väterlichen, das wird ihr mehr Zusagen, als wenn ich den Verliebten spielte. Armes Lenchen — armes Kind! — wäre wirklich froh, wenn ich ihr's schon beigebracht. Jetzt heißes diplomatisch Handeln — doch nun ift's Zeit, zu Tische zu gehen; die lange Verhandlung mit dem närrischen Jungen hat mir Appetit gemacht; mein armes Lenchen wird wohl keinen haben. Geduld, liebes Kind, Geduld, wird schon Alles besser werden. Alles hat seinen Uebergang —" Er trat bei diesen Worten vor den Spiegel, ordnete sorgfältig seine etwas derangirte Toilette und begab sich in's Speisezimmer. In unsäglicher Spannung und Aufregung hatte Helene die Vormittagsstunden verbracht. Sie hatte Werner in's Haus treten sehen, wußte also, daß er bei dem Commerzienrath sich befand und wartete nun von Minute zu Minute, daß sie zu ihrem Vormund gerufen werde, oder daß dieser selbst den Geliebten ihr zuführe. Aber Minute reihte sich an Minute. Niemand ließ sich sehen. Eine Stunde war verstrichen; die zweite nahte bereits ihrem Ende,

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