Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1876-11-22 · Heft 47 (22.11.1876) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 47 (22.11.1876)
Date
1876-11-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447645-2447689--13120-2468974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1076 Ihaten der Menschen anzunehmen, so kann und darf ich auf die zwei Heller nicht verzichten; vielleicht gereicht es ihm zum Verdienst und mir zur Hilfe oder auch zur Sühne." Die beiden Männer gingen. Als sie in das Haus des Geizigen traten, schrie dieser ihnen wüthend entgegen: „Was kommt Ihr schon wieder! Ich gebe doch nicht mehr!" Die Männer erzählten nun, daß der Rabbi sie veranlaßt, die zwei Heller zu nehmen, und als sie die Worte des Rabbi wiederholten, da wurde der Geizige von solcher Seelengröße schier überwältigt. Er eilte in die Behausung, wo der Rabbi Unterkommen gefunden, warf sich ihm zu Füßen, bat um Verzeihung und gab aus seinen reichen Mitteln Alles, was der Rabbi noch brauchte, so daß dieser nicht fürder die Hilfe Anderer anzusprechen brauchte. — O, mein Vater, warum sollen wir uns das so schrecklich vorstellen, was Gottes Weisheit über uns verhängt? Geschieht doch Alles, was Er uns gesendet, nur zu unserem Besten!"" Herr Bernstein seufzte tief auf. „Aengftige Dich nicht, lieb Väterchen, es wird so schlimm nicht werden. Du wirst bald wieder genesen. Dann nehme ich meine Clavierstunden wieder auf, und es wird uns an nichts fehlen." Aber es kam nicht so. Herrn Bernsteins Krankheit zog sich in die Länge, und der Mangel klopfte an die Thür von Theresa's Dachkammer. In trüben Gedanken versunken saß Theresa am Bette ihres schlummernden Vaters. Sie hatte alles Entbehrliche verkauft: Morgen mußte sie den schweren Gang thun und die Wohlthätigkeitsanstalten der Gemeinde zu Hilfe rufen. Dann würde man ihren Vater in das Hospital verbringen wollen ... sie konnte den Gedanken nicht ausdenken. Konnte, durfte sie den Kranken verlassen, der sie nicht entbehren konnte, dessen Zustand sich in ihrer Abwesenheit itets verschlimmert hatte? Da klopfte es an die Thüre; ein Mann stürmte herein. ..Kennst Du mich nicht mehr, kleine Theresa?" rief der Fremde. ,,.,'St, 'st,"" mahnte Theresa, „„stille, stille, -er Pater schläft."" Dann betrachtete sie den Fremden. Es war ein hochgewachsener, schöner Mann mit schwarzem > Vollbarte. „Nein," sagte sie, „ich kenne Sie nicht." „„Und doch hattest Du keinen liebem und getreuern Spielkameraden als mich, der ick, wiewohl acht Jahre alter, Alles that, was Klein-Theresa! von mir begehrte."" „Vetter Abraham!" „ „Jawohl, der vergessene Vetter Abraham." " Herr Bernstein erwachte und sah zu dem Fremden mit erstaunten Blicken auf. „Es ist Abraham Bronner," sagte Theresa. Der Fremde neigte sich über das Bett des Kranken, ergriff dessen abgezehrte Hand und benetzte sie mit Küssen. „Mein Vater, mein Wohlthäter," sagte er weinend, „muß ich Sie so Wiedersehen? Hätte ich eine Ahnung von Ihrem Un lück gehabt, ich wäre längst herbeigeeilt. Nun, Gott sei Dank, es ist noch nicht zu spät. Von den vielen Wohlthaten, die Sie dem armen, verlassenen Waisenknaben erwiesen , will ich wenigstens einen Theil wieder gutmachen!" Abraham Bronner war ein entfernter Verwandter Bernsteins; als der Knabe rasch nacheinander beide Eltern verlor, hatte ihn Bernstein zu sich in's Haus genommen und ihn erziehen lassen. Später war Abraham nach Amerika gegangen; als wohlhabender Mann war er jetzt eben zurückgekehrt und hatte nun seinen Wohlthäter in so trauriger Lage angetroffen. Andern Tages schon hatte Abraham in einer der Vorstädte Wiens eine geräumige, gesunde Wohnung gemiethet und sie in anständiger Weise ausmöbftren lassen. Dahin mußte Herr Bernstein ziehen und Theresa mit ihm, während Bronner sich in einem Gasthofe in der Nähe einquartierte. Der Kranke erholte sich hier schnell; die Mansarden waren seiner Gesundheit nicht zuträglich gewesen. Auch ein Pianino hatte Abrahams Sorgfalt in die neue Wohnung bringen lassen. Mit wahrem Entzücken öffnete Theresa seit langer Zeit zum ersten Male wieder das geliebte Instrument. Die beiden Männer lauschten mit Vergnügen dem meisterhaften Vortrage der Künstlerin. Herr Bernstein genas nach wenigen Wochen. Theresa hätte nun wieder Unterricht ertheilen können; allein Bronner erlaubte es nicht. „Pflege Deinen Vater, kleine Theresa," sagte er, „und wenn Du durchaus für Geld Clavier spielen willst, so spiele mir etwas vor; ich werde es Dir anständig honoriren. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.