Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1876)
- Date
- 1876-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447689--13119-2468973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1075 \ Türkei. Konftantinopel. Man schreibt auS der türkischen Hauptstadt unterm 31. v. M.: „Der Appell, welchen die hiesigen Israeliten in der versteckten Form eines in mehreren hiesigen Blättern abgedruckten offenen Briefes an die Regierung aus Anlaß der Nichtberücksichtigung ihrer Confession bei Gelegenheit der Ernennung des S^aatsratheS gerichtet hatten, ist nicht ungehört verhallt. Behor Efendi, ein hervorragender hiesiger Jude, ist in diesen Tagen durch kaiserlichen Erlaß zum lebenslänglichen Mitgliede des Staatsrathes ernannt worden. Diese Berücksichtigung ihrer Wünsche hat in den israelitischen Kreisen hohe Befriedigung erregt » und die hiesigen Zeitungen veröffentlichen heute wiederum einen offenen Brief, wie der vorige „Un Juif“ gezeichnet, welcher diesen Gefühlen begeisterten Ausdruck verleiht." Feuilleton. Therrsa. XI. Herr Bernstein war erkrankt. Die tiefen Erschütterungen der jüngsten Vergangenheit waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen; sie hatten seine Gesundheit untergraben; er mußte das Bett hüten, und der Arzt schilderte seinen Zustand zwar nicht als hoffnungslos, doch stellte er ein langwieriges Leiden in Aussicht. Theresa bestellte eine Pflegerin, um ungehindert ihre Lectionen geben zu können. Als aber der Vater durch die Einsamkeit gar sehr litt und sein Zustand sich verschlimmerte, da gab Theresa die Clavierstunden auf und verbrachte alle ihre Zeit am Krankenbette des Vaters; sie las ihm vor, bald in hebräischer, bald in deutscher Sprache, wie er es liebte; sie unterhielt sich mit ihm über das Gelesene; sie rückte ihm die Kissen zurecht und kochte die Speisen und Getränke, die dem Kranken am Zuträglichsten waren. Sie hatte dann in der Thal die Freude, daß der Zustand des geliebten Vaters sich besserte, daß die sorgfältige Pflege und namentlich die Unterhaltung ihm ersichtlich wohlthat, allein das Wenige, was Theresa bisher erspart hatte, ging bald darauf, und schon mußte sie dazu schreiten, einzelne Schmuckgegenstände, die ihr aus früherer, besserer Zeit geblieben waren, zu verkaufen'. „Theresa, mein Kind," sagte der Vater eines Tages, „Du opferst Dich für mich auf! Was soll daraus werden? O, hättest Du den Antrag des Baron Hohenacker nicht zurückgewiesen!" „„Ich bereue es nicht einen Augenblick, mein Vater." " „Was mag aus ihm geworden, wohin mager gekommen sein?" „„Ich weiß es nicht; ich habe nichts wieder von ihm gehört."" „Ach, mein Kind, ich sehe das Elend, das schrecklichste Elend vor Augen. Ich wiederhole es, was soll daraus werden, wenn meine Krankheit noch lange andauert? Wovon sollen wir leben? Soll ich die Hilfe der Menschen in Anspruch nehmen? Lieber möchte ich sterben, ja, sterben!" „„Sprich nicht so, mein Vater! Was wäre es am Ende Schlimmes, wenn wir die Hilfe guter Menschen beanspruchen müßten?"" „Du weißt nicht, Kind, was Du redest, es gibt nichts Schrecklicheres!" „„Darf ich Dir eine Geschichte erzählen, die ich einmal gelesen habe?"" „Erzähle, mein Kind!" „ „Rabbi Samuel, der Fromme, der berühmte Vater des noch berühmteren Rabbi Jehudah ha Chaßid, war Rabbiner in Regensburg gewesen. Durch eine schreckliche Judenverfolgung war der Rabbi um seine ganze Habe gekommen; seine Gemeinde war aufgelöst, und er war gezwungen, mit Frau und Kindern von Stadt zu Stadt;u ziehen und die Unterstützung edler Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. So kam er nach Cöln, wo damals eine große und reiche jüdische Gemeinde blühte. Zwei angesehene Gemeindemitglieder übernahmen es hier, für den Rabbi die Gaben einzusammeln. Ueberall erhielten sie reichliche Spenden. Ein Mann jedoch, ebenso reich wie geizig, fuhr sie hart an, Ichimpfte auf das umherziehende Bettlergesindel und warf ihnen zwei Heller vor die Füße; aber die Männer ließen die geringe und böswillig gegebene Gabe liegen. Sie brachten dem Rabbi eine ziemlich bedeutende Summe und erzählten ihm von der schnöden Behandlung, die ihnen der Geizige hatte zu Theil werden lassen und daß sie die geringe Gabe nicht genommen. „Ich danke Euch, meine Kinder," sagte der Rabbi; „ich habe aber eine Ritte an Euch. Gehet zu jenem reichen Manne und holet die zwei Heller. Da der allgüiige Gott nach Seinem heiligen Willen, gelobt und gepriesen sei Sein heiliger Name, mich in die Lage gebracht hat, die Wohl-