Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1876)
- Date
- 1876-11-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1055 schnitt er mit dem blutigen Messer seine eigene Kehle durch. Als die Leute in das Zimmer drangen, war auch der Mörder eine Leiche. Feuilleton. Nrosclytco. Von Friedrich Nott. xxv. „Mein lieber theurer Freund!" rief der Commerzienrath aufspringend und den jungen Mann in seine Arme schließend, „mein lieber theurer Freund! ich darf wohl sagen, mein Sohn, denn ich betrachte Helene als meine Tochter; wenn ich Ihnen nur sagen könnte, wie glücklich mich Ihr Antrag macht. Ja mein Sohn, ja mein Sohn, Helene soll die Ihre werden, mit tausend Freuden gebe ich meine Einwilligung." Ueberglücklich suchte Werner in tiefempfundenen Worten seinem Dank Ausdruck zu verleihen, doch der Andere ließ ihn kaum zu Worte kommen; der ohnehin stets redselige Mann schien es heute durch die freudige Aufregung noch doppelt zu sein. „Also mit Helene sind Sie bereits einig? Wer hätte das der Schelmin angesehen! Daß Sie ihr nicht gleichgiltig sind, das habe ich mir freilich längst gedacht, so'n unschuldiges junges Mädchenherz verräth sich gar zu leicht, 'ber mein lieber theurer Sohn, wie geläufig mir das schon über die Lippen geht; doch was ich sagen wollte, Sie bekommen da einen Schatz, ich sage Ihnen einen Schatz — ich rede nicht von dem Vermögen des Fräulein von Mosbach, das ist vielleicht nicht einmal so groß, wie die Welt fabelt; doch ich weiß, bei Ihnen kommt das nicht in Betracht aber ich spreche von meiner Helene, diese ist eine Perle, ein Juwel, sage ich Ihnen. Was werde ich alter Mann nur ohne mein Kind anfangen? doch fort mit den Grillen! — Einmal muß ich sie einem Andern überlassen, und daß ich Sie Ihnen zehn tausendmal lieber gönne, als jedem Andern, das können Sie mir auf's Wort glauben. Potztausend! wird das eine Hochzeit werden, wenn der alte Mühlheim seine Mündel ausgiebt. Die halbe Stadl laden wir zu Gaste und von den Armen, zehn Meilen in der Runde, darf mir keiner vergessen werden. Doch jetzt duldet's mich nicht länger. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick,! mein lieber Sohn, ich könnte das liebe Kind durch! einen meiner Leute bitten lassen, sich hierher zu j bemühen, aber da würde sie gleich wissen, um was es sich handelt, und ich käme denn um ihr erstes Erröthen, darum will ich lieber selbst zu ihr gehen. Einen Augenblick Geduld, mein theurer Sohn, und ich führe die holde Braut in Ihre Arme." Bei diesen Worten eilte er in seinem gewöhnlichen trippelnden Schritt der Thüre zu. Auch Werner hatte sich erhoben, er fühlte sich so glücklich , so unaussprechlich glücklich. Die Brust war ihm zum Zerspringen voll, er glaubte das wilde Klopfen seines Herzens zu hören, erwartungsvoll heftete sein Auge auf der Thür, die der Commerzienrath hinter sich zu schließen im Begriffe war. Doch er hatte sie noch nicht ganz geschlossen und wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, blieb er in der geöffneten Thüre stehen und strich wie überlegend mit der Hand über die kahle Stirn. Voll Staunen und Ungeduld schaute Werner auf ihn. Langsam wandte der Commerzienrath sich um, langsam trat er in das Zimmer zurück und zog bedächtig die Thür hinter sich ins Schloß. „Mein lieber theurer Freund", sprach er, auf Werner zuschreitend, dem es mit einem Mal war, als habe sein Herzschlag ausgehört, „mein lieber theurer Freund, ich habe Ihnen soeben rückhaltlos die Hand meiner Mündel zugesagt." „„Rückhaltlos,"" wiederholte Werner, und athmete hoch auf. „Aber im Begriff, das liebe Kind Ihnen zuzuführen, ist mir ein Bedenken aufgestiegen." „„Ein Bedenken,"" rief Werner erbleichend. „Sie brauchen nicht so gar zu sehr zu erschrecken, mein lieber Sohn, das Bedenken ist nicht auf meiner Seite, denn was mich betrifft, mein Wort ist mein Wort, ich nehme es nie zurück. Das Bedenken, von dem ich sprach, besteht nur in einer Mittheilung, die ich als Helenens Vormund und als Mann von Character, Ihnen vorzuenthalten, mich nicht berechtigt halte; ich fühle mich so zu sagen, moralisch verpflichtet, sie Ihnen zu machen, bevor ich die Hand meiner Mündel in die Ihre lege." Er hielt inne, ließ sich wieder in sein Fauteuil niedergleiten, zog die goldene Dose aus der Tasche und nahm bedächtig eine Prise. Werner, in höchster Spannung, bat, er möge fortfahren. Der Commerzienrath streichelte mit der Hand sein glattrasirtes Kinn, räusperte sich und Hub an: „Ich gestehe Ihnen offen, Herr Werner, ich für meine Person betrachte die Angelegenheit, die ich Ihnen, da mitzutheilen habe, enbagatelle, aber so wenig ich es meinem besten Freunde verzeihen