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Der Israelit · 1876-11-15 · Heft 46 (15.11.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 46 (15.11.1876)
Date
1876-11-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1056 würde, wenn er in irgend einer mich betreffenden Angelegenheit für mich einen Entschluß fassen wolle, eben^ so wenig erlaube ich mir, in irgend welcher Angelegenheit dem Entschlüsse eines Andern vorzugreifen. Er hielt inne, griff abermals nach der Dose und nahm abermals eine Prise. Leo, in höchster Spannung, folgte mit seinem Blicke jeder seiner Bewegungen. „Ich gestehe offen," führ Mühlheim nach kurzer Pause fort, „ich gestehe offen, es wird mir nicht leicht, nein gar nicht leicht, Sie mit den Verhältnissen bekannt zu machen, aber — aber — es muß doch sein." „„Bitte, bitte,"" drängte Leo. Der Commerzienrath sah ihn einige Augenblicke scharf an. „Sie sin^ ein strenggläubiger Israelit?" Leo neigte bestätigend das Haupt. Mühlheim fuhr fort: „Ich bin kein orthodoxer Jude, ich huldige der neuen, freienRichtung, aber ich weiß, in der Hauptsache sind wir eines Sinnes und ein Jeder achtet die Ueberzeugung des Andern. Doch nun zur Sache." Er lehnte sich in's Fauteuil zurück, schlug das rechte Bein über das linke, hielt die wohlgepflegten Hände gefaltet auf den Knien und ließ die Daumen um einander kreisen. Leo glaubte vergehen zu müssen vor Ungeduld. „„Herr Commerzienrath, ich bitte inständigst--"" „Sie haben recht, Sie haben recht, mein theurer Freund, ich mag zögern, so lange ich will, endlich muß es doch über die widerstrebenden Lippen. Drum zur Sache. Der Vater meiner theuren Helene, der Baron Carl von Mosbach, war ein Jude, aber kein orthodoxer," fügte er lächelnd hinzu, „er war vielmehr, was man so im gewöhnlichen Leben ein mauvais sujet nennt. Unermeßlich reich, lebte er nur seinen Vergnügungen, wodurch natürlich ein beträchtlicher Theil seines Vermögens darauf ging, aber es blieb ihm immerhin noch genug übrig. In früheren Jahren pflegte er alle paar Monate mit seinen Maitressen zu wechseln, in den später» hielt er es nur mit einer. Drei oder vier Jahre lebte Antonia Noffa, eine ehemalige Schauspielerin, an seiner Seite, genoß alle Rechte einer Gattin, ohne ihn jedoch bewegen zu können, sie in Wirklichkeit sich antrauen zu lassen. Da erkrankte der Baron an den schwarzen Blattern, die Krankheit trat so plötzlich und mit solcher Vehemenz auf, daß der Baron fast vom Beginn derselben bis zu seinem letzten Tage bewußtlos dalag. Die Noffa war außer sich; starb der Baron, ohne mit ihr verheirathet gewesen zu sein, so war sie eine Bettlerin. Sie trotzte den Warnungen der Aerzte, wich Tag und Nacht nicht von seinem Bette und richtig erspähte sie den Moment, in dem er wieder zum Bewußtsein kam, und nun wußte sie ihn leicht dazu zu bringen, sich mit ihr trauen zu lassen. Eine halbe Stunde vor seinem Tode traute der israelitische Prediger Dr. Hahn tu L. das Paar. Wenige Tage später erblickte die junge Baronesse von Mosbach, meine innigstgeliebte Helene, das Licht der Welt." Leo war aufgesprungen: dunkle Röthe hatte sein bisher so bleiches Antlitz überzogen, mächtig arbeitete es in seiner Brust. „Ich danke Ihnen, Herr Commerzienrath," sagte er, schwer seufzend, ..ich danke Ihnen, Sie sind ein Ehrenmann. Wohl begreife ich jetzt Ihr Zögern und ehre Ihr Zartgefühl. Wohl muß ich zugeben, daß Ihre Mittheilung mich lief erschüttert. Die Vergangenheit der Eltern meiner Braut kann mir nicht gleichgiltig sein. Doch ich kenne Helene zu genau, bin zu sehr von ihrer fleckenlosen Reinheit überzeugt und liebe sie zu innig, als daß Ihre Mittheilnngen mich auch nur im entferntesten schwankend machen können." „„Das heißt gesprochen wie ein Mann, der Kopf und Herz auf der rechten Stelle hat,"" rief der Commerzienrath. Werners Hand innig drückend, „„brav, junger Mann, brav, wer wollte die Kinder auch für die Sünden der Eltern verantwortlich machen! Sie können sich nicht denken, wie innig es mich freut, Sie in dieser Sache so vernünftig, so einsichtsvvll urtheilen zu sehen. Sie erleichtern mir dadurch die Fortsetzung meiner Mittheilung."" Werner horchte auf, es gab also noch eine Fortsetzung. „Dürfte ich Sie bitten, Herr Commerzienrath —" „„Gewiß, gewiß, mein Sohn,"" er rieb sich mir der Hand die Stirn und seufzte schmerzlich. „„Trotz Ihrer so einsichtsvollen Beurtheilung der Sachlage wird mir die Fortsetzung meiner Mittheilungen dock noch schwerer als der Anfang, denn dabei muß ich erwähnen, daß einer meiner besten Freunde, eben jener bereits erwähnte Dr. Hahn, sich, wenigstens in meinen Augen, auf's Aeußerste compromittirt hat. Ich darf es Ihnen, lieber Freund, nicht verhehlen, daß die Mutter unserer theuern Helene eine geborne Christin war, so mußte sie, um Baronin Mosbach zu werden, zuvor zum Judenthum übertreten. Sie selbst hatte nicht daran gedacht; von ihrem bereits sterbenden Bräutigam daraus aufmerksam gemacht, eilte sie unverzüglich zu dem Dr. Hahn und wußte ihn durch Bitten und Versprechungen zu bewegen, daß er sie ungesäumt als Jüdin aufnahm und gleich darauf dem Sterbenden sie antraute. Daß bei diesem Uebertritt die rituellen Vorschriften in keiner Weise beachtet wurden, daß an das vorgeschriebene Tauch-

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