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Der Israelit · 1876-11-15 · Heft 46 (15.11.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 46 (15.11.1876)
Date
1876-11-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1052 aus Leinen und Wolle zu tragen. Wir sind verpflichtet, Seine Gesetze zu beobachten, ob wir ihren Sinn begreifen oder nicht. — Ich will Ihnen jetzt weitere Instructionen geben, Herr Meyer. Sie sollen mit dem Herrn Baron zusammen wohnen, mit ihm in demselben Zimmer schlafen und ihn auf Alles aufmerksam machen, was man thun soll und was man lassen muß. Bestellen Sie koschere Kost in der Restauration, kaufen Sie Thaliß und Tephillin und was sonst noch nothwendig ist und beginnen Sie den Unterricht in der hebräischen Sprache. Zunächst lassen Sie den Herrn Baron nur sehr wenig beten, bis er selbst die Gebete lesen kann, und was Ihnen irgend schwierig scheint, damit kommen Sie zu mir; ich stehe Ihnen zu jeder Zeit zu Gebote." Der Baron ging mit seinem Lehrer. Hohenacker war ein höchst wißbegieriger, aufmerksamer und fleißiger Schüler. Nach kurzer Zeit konnte er das Hebräische lesen, und er begann, das erste Buch Mosis in der Ursprache durchzunehmen. Welche Freude machte es dem Baron, als er an die Stelle kam, in welcher von den frühesten Erfindern erzählt wird und er sich seiner ersten Unterhaltung mit Theresa erinnerte! Er bat seinen Lehrer, ihm auch die Psalmen zugänglich zu machen, und diese, in der Ursprache, wurden bald seine liebste Lectüre; sie gossen Balsam in sein wundes Herz und lehrten 'ihn, unfern allbarmherzigen Vater im Himmel über Alles zu lieben. Von dieser Zeit an wurde ihm nichts mehr schwer. Mit großer Sorgfalt beobachtete er alle Gesetze und Vorschriften und suchte sich über Alles soviel als möglich zn unterrichten; seine liebsten Stunden waren aber diejenigen, welche er beim Rabbiner zubringen und sich über die Grundsätze des Judenthums belehren lassen durfte. Eines Tages erzählie er dem Rabbiner seine Geschichte und wie er das Glück seines Lebens verscherzt habe. „Ihre Geschichte," sagte der Rabbiner, „erinnert mich an die Nathan Zuzitha's, von der Talmud und Midrasch erzählen. Nathan Zuzitha liebte hoffnungslos ein Weib, und Weil er, wiewohl dem Tode nahe und in Gefahr an gebrochenem Herzen zu sterben, es verstanden hatte, seine Leidenschaft zu überwinden, hatte er das Glück, ein großer Mann, ein Held der Gotteslehre, zu werden. Nur Muth, junger Freund, der Mensch muß kämpfen, kämpfen. Er darf sich nur nicht gehen lassen, nicht feige seinen Gefühlen sich hingeben; er kann siegen, wenn er ernstlich will. Freilich bei Nathan Zuzitha lagen die Verhältnisse etwas anders; er liebte ein verheirathetes Weib, und da gab es keine Hoffnung für ihn. Sie aber . . . ." „„Auch für mich gibt es keine Hoffnung, Theresa verzeiht mir die Beleidigung nimmermehr, und sie hat Recht. Auch ich muß'kämpfen gegen das Gefühl, das bisher stärker war als ich. Ich habe jetzt wenigstens einen Halt in dieser himmlischen Religion, in der Beobachtung von Gottes Gesetzen, in dem Studium der Gotteslehre. Sie haben Recht, Herr Rabbiner, ich darf mich nicht feige meinem Gefühle hingeben; ich will dagegen . ankämpfen."" ' v „Thun Sie das, mein Freund; Sie werden \ noch glücklich werden." Ünterdeß erregte Baron Hohenacker und sein ganzes Gebühren in M., einer Stadt mittleren Ranges, das größte Aufsehen. Die abenteuerlichsten Gerüchte wurden über ihn in Umlauf gesetzt. Kein Mensch konnte begreifen, wieso ein reicher, vornehmer junger Herr, der gar nichts Jüdisches an sich hatte, der, wie man sich erzählte, von Juden und Judenthum gar nichts gewußt hatte, plötzlich dazu kommen sollte, ein streng gesetzestreucr Jude zu melden und fleißig hebräisch zu lernen. Endlich machte sich ein Spaßvogel den Scherz, sich einen ganzen Roman auszudenken und ihn in Umlauf zu setzen. „Baron Hohenacker," erzählte man sich, „sei nur ein Pseudonym; der junge Mann sei ein Prinz aus einem erlauchten, regierenden Hause, und zwar der Erbprinz; von heftiger Liebe zu einem jüdischen Mädchen entbrannt, habe er sie zu seiner Gemahlin, zur dereinstigen regierenden Königin erheben wollen; aber das Mädchen habe sich geweigert, seine Religion zu verleugnen; nun habe der Prinz seinen Ansprüchen auf den Thron entsagt und wolle Jude werden. Dieses Märchen wurde allgemein geglaubt; sogar die Lokalblätter von M. nahmen Notiz davon und berichteten, daß ein Prinz aus dem ***schen königlichen Hause unter dem Pseudonym „Baron Hohenacker" sich in M. aufhalte und sich daselbst für den Uebertritt zum Judenthum vorbereite. Die Notiz ging dann durch viele Blätter. Der Rabbiner und Baron Hohenacker, als sie die Geschichte lasen, lachten nicht wenig darüber. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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