Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1876)
- Date
- 1876-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1047 schlagener liegt. Mit Hohngeschrei verfolgt und gehetzt wie der herrenlose Hund, machte der!Hebräer sich beneidet wegen seines Reichthums und feiner Weisheit, und wurde an ihnen geschröpft, um das Bad des heidnischen Luxus zu füllen; er nahm Kenntnisse in sich auf, er verbreitete sie; seine zerstreute Nace war ein neues Phönicien, das die Minen Griechenlands bearbeitete und der Welt ihre Erzeugnisse mittheilte. Der angeborene Geist unserer ^Überlieferung war, nicht still zu stehen, sondern die Erinnerungen als Saat zu benutzen und während der Heide, welcher gesagt hatte: „Was Euer war, ist unser, und nicht mehr Euer", den Buchstaben unsres Gesetzes wie eine dunkle Inschrift las, oder die Pergamenttafeln desselben in Schuhsohlen für eine habgierige und grausame Armee verwandelte, vermehrten unsre Meister diesen Schatz und erhellten ihn durch neue Auslegungen. Allein unser Volk war weit über die Welt zerstreut, das Joch der Unterdrückung war eine scharfe Tortur und eine schwere Last; der Verbannte mußte fern unter rohen Menschen verweilen, wo das Bewußtsein feines Stammes ihm nicht klarer war, als das Licht der Sonne zur Zeit der römischen Verfolgung unseren Vätern, die ihr Versteck in einer Höhle hatten, und nur durch das trübere Brennen der Kerzen wußten, daß es Tag war. Was Wunder, daß eine große Anzahl unseres Volkes unwissend und beschränkt geworden?" Hier erhob sich Mardochai, dessen Stuhl dicht neben dem Kamine stand, und stützte seinen Arm auf das kleine Gesimse; seine Aufregung war gestiegen, obschon seine Stimme, die er mit ungewöhnlicher Kraft erhoben hatte, heiser zu werden begann. „Was Wunder? Die Nacht bedeutet ihnen, daß sie keine Vision haben; in ihrer Finsterniß vermögen sie nicht mehr zu weissagen; die Sonne ist über den Propheten untergegangen, und der Tag über ihnen ist dunkel; ihre Gebräuche sind wie namenlose Reliquien. Aber welche unter den Hauptnationen der Heiden hat nicht eine unwissende Menge? Sie verachten das unwissende Ceremoniell unseres Volkes! aber die verruchteste Unwissenheit ist die, welche kein Ceremoniell besitzt, sondern zu der listigen Gier des Fuchses herabgesunken ist, für den alles Gesetz nur eine Falle oder das Gebell des erwürgenden Hundes ist. Es gibt eine Erniedrigung, welche tief unter der Erinnerung steht, die in Aberglauben zusammengeschrumpft ist. In den Massen derUnwissenden dreier Welttheile, die unser Ritual beobachten und sich zur göttlichen Einheit bekennen, ist die Seele des JudenthumS nicht erstorben. Erweckt wiederden organischen Mittelpunkt: laßt die Einheit Israels, welche das Wachsthum und die Form seiner Religion erschuf, eine äußere Wirklichkeit werden! Festen Blicks auf ein Land und eine Regierungsform gerichtet, kann unser zerstreutes Volk an allen Enden der Erde die Würde eines Nationalllebens theilen, das eine Stimme unter den Völkern des Ostens und des Westens hat, — das die Weisheit und Geschicklichkeit unserer Race fortpflanzen wird, auf daß sie, wie in alter Zeit, eine Vermittlerin von Kenntnissen und Verständniß sei. Laßt dies geschehen, und die lebendige Wärme wird sich bis zu den schwachen Endgliedern Israelis verbreiten, und Israels Größe wird wieder erstehen, nicht in der Gesetzlosigkeit des Renegaten, sondern in der Erleuchtung großer Thatsachen, welche das Gefühl erweitern und alles Wissen lebendig machen als das junge Erzeugnis geliebter Erinnerungen." Und nach anderen Erörterungen sagt Mordechai: „Was noth thut, ist der Sauerteig, — was noth thut, ist die feurige Saat der Begeisterung. Das Erbe Israels pocht in den Pulsen von Millionen, es lebt in ihren Adern als eine unverstandene Macht, gleich dem Morgenjubel derHeerden; es ist die angeborene Hälfte der Erinnerung, die sich wie in einem Traume unter Inschriften an den Wanden bewegt, welche man undeutlich sieht, aber nicht zu entziffern vermag. Laßt die Fackel sichtbarer Gemeinschaft entzündet werden. Laßt die Vernunft Israels sich in einer großen äußeren That offenbaren, und laßt eine neue große Wanderung stattfinden, eine neue Kür Israelis, eine Nationalität zu sein, deren Mitglieder sich immer noch bis an die Enden der Erde erstrecken mögen, gleichwie die Söhne Englands und Deutschlands, welche ihr Unternehmungsgeist weit in die Ferne führt, welche aber immer noch einen Nationalheerd und ein Tribunal nationaler Anschauungen haben. Will Jemand behaupten: „Es ist unmöglich?" Baruch Spinoza hatte kein treues jüdisches Herz, obschon er das Leben seines Geistes an den Brüsten jüdischer Ueberlieferung eingesogen hatte. Er legte die Nacktheit seines Äaters bloß und sagte: „Die, welche seiner spotten, haben die höhere Weisheit." Dennoch gestand Baruch Spinoza, er sehe nicht ein, weshalb Israel nicht wieder ein auserwähltes Volk sein sollte. Wer behauptet, daß die Geschichte und Literatur unserer Race todt sind? Sind sie nicht eben so lebendig wie die Geschichte und Literatur von Griechenland und Rom, welche zu Revolutionen begeistert, den Gedanken Europas entflammt, und die ungerechten Gewalten zittern ge-