Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1876)
- Date
- 1876-11-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447688--13089-2468942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1046 haucht, und sie hauchen ihn voll Gift und Galle zurück. Kann ein eben erst fertig gewordenes Bürgerthu.mskleid sich sofort ins Fleisch verweben und das langsame Unterpfand von achtzehn Jahrhunderten ohne Weiteres umwandeln? Was ist das Bürgerthum dessen, der unter einem Volke wandelt, mit welchem er keine herzliche Verwandtschaft und Gemeinschaft empfindet, und der das Gefühl der Verbrüderung mit seinem eigenen Stamme verloren hat? Es ist ein Freibrief selbstsüchtigen Ehrgeizes und Wetteifers in niedriger Habsucht. Er' ist ein Fremder in geistiger Beziehung, was ec auch der Form nach sein möge; er saugt das Blut des Menschenthumes ein, aber er ist'kein Mensch. Da er an keiner Liede, an keiner Pflicht der Seele Theil hat, spottet er über Alles." Darauf sagt ein Dritter, man müsse vor Allem vernünftig sein. „Das bin ich ebenfalls!" rief Mardochai schnell, sich mit dem Eifer eines Mannes vorbeugend, der in einer entscheidenden Krisis für eine Sache kämpft, seine langen dürren Hände auf dem Schooße gefaltet. „Auch ich mache den Anspruch, ein vernünftiger Jude zu sein. Aoer was heißt vernünftig sein?" — was heißt es, das Licht der göttlichen Vernunft drinnen und draußen stärker werden zu fühlen? Es heißt, mehr und mehr der verborgenen Bande zu sehen, welche die Veränderung als ein bedingtes Wachsthum erscheinen lassen uno heiligen, — ja, sie mit dem Geiste der Verwandtschaft heiligen: die Vergangenheit wird mein Vater, und die Zukunft streckt mir flehende Kinder-- arme entgegen. Ist es vernünftig, das Mark specieller Verwandtschaft verdorren zu lassen, das die Familien der Menschen reich an gegenseitig ausgetauschten Schätzen macht, und mannigfaltig, wie'die Wälder mannigfaltig sind durch die Pracht der Ceder und der Palme? Wenn es vernünftig ist, zu sagen: „Ich kenne nicht meinen Vater oder meine Mutter, laßt meine Kinder mir fremd sein, daß keines meiner Gebete sie rühre," dann mag es vernünftig für den Juden sein, zu sagen: „Ich will danach trachten, keinen Unterschied zwischen mrr und dem Heiden zu kennen, ich will das prophetische Bewußtsein unserer Nationalität nicht hegen und pflegen — möge das Hebräische aufhören zu existiren, und mögen all seine Erinnerungen antiquarische Lappalien sein, todt wie die Wandgemälde eines Stammes, der vielleicht einmal existirt hat. Dennoch läßt er sein Kind die Rede des Griechen auswendig lernen, in welcher erseine Mitbürger bei der Tapferkeit derer, die bei Marathon .fochten, beschwört, — läßt es lernen, zu sagen: Das war edel bei dem Griechen, das ist der Geist einer unsterblichen Nation! Aber der Jude hat keine Erinnerungen, die ihn zurThat verpflichten; möge er lachen, daß seine Nation aus der Reihe der Nationen gestrichen ist; möge er die Denkmäler seines Gese tzes, welche den Odem gesellschaftlicher Gerechtigkeit, Nächstenliebe und häuslicher Weihe umschloß, — möge er die energievolle Kraft der Propheten, die geduldige Sorge der Nabbineu, die Tapferkeit der als Märtyrer ins Grab gestiegenen Geschlechter, für bloßen Stoff gelehrter Kathedervorträge halten. Soll es die Aufgabe des Juden in allen Stücken sein, es dem reichen Heiden gleich zu thun?" Als ein Vierter, ein Christ, die Bemerkung macht, daß die Juden sich mit Hartnäckigkeit an das Ueberkommene hängen und als Race der Entwtckelung unfähig seien, ruft Mordechai: „Das ist nicht wahr! Man lerne ihre Geschichte kennen und prüfe sie; man sichte die Saat, man spüre ihrem Anfang bis zum Unkraut der Wildniß nach — um so ' herrlicher wird die Kraft erscheinen, welche sie umwandelte. Wo gibt es sonst eine Nation, von der man so wahrhaft sagen kann, daß ihre Religion, ihr Gesetz und ihr sittliches Leben sich wie der Strom des Blutes im Herzen vermischten und ein einziges Produkt bildeten? — wo sonst ein Volk, das seinen geistigen Schatz zu derselben Zeit bewahrte und vermehrte, da es mit einem Hasse verfolgt wurde, so glühend wie die Waldbrände, welche das wilde Thier von seiner Lagerstatt aufscheuchen? Man erzählt sich eine Sage von dem Portugiesen, der, als er schwamm, um sein Leben zu retten, die Handschrift seines Gedichts zwischen den Zähnen hielt und dasselbe aus den Fluthen rettete. Allein wie viel^ mehr, als dies, gilt in Wahrheit von unseren Stammesgenossen! Sie kämpften, um ihren Rang als Helden unter den Nationen zu behaupten — ja, als die Hand ihnen abgehauen ward, klammerten sie sich fest mit den Zähnen; aber als der Pflug und die Egge über das letzte sichtbare Zeichen ihres Nationalverbandes hinweg gegangen waren, und die Fruchtbarkeit ihres Landes durch das Blut der Säer uud Pflanzer erstickt ward, sprachen sie: „Der Geist lebt, laßt uns ihn zu einer dauernden Wohnstatt machen, — dauernd, weil beweglich, — auf daß er von Geschlecht zu Geschlecht vererbe, und unsere ungeborenen Söhne reich seien gn den Dingen, d*e gewesen sind, und eine Hoffnung besitzen, die auf einem unveränderlichen Fundamente ruht!" So sprachen und so handelten sie, obschon sie oft mit einem so leisen Leben athmeten, wie in einem Sarge, oder wie ein Verwundeter, der inmitten eines Haufens Er-