Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1876)
- Date
- 1876-11-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1036 Ich muß daher im vorhinein um Entschuldigung Litten, wenn ich noch öfters belästigen sollte."" Er war bei diesen Worten aufgestanden, im Begriffe sich zu empfehlen, der Graf hielt ihn zurück. „Bleiben Sie noch, ich bitte. Sie sind der Erste, der Einzige, gegen den ich mich aussprechen konnte. Ihre Gegenwart hat mir unendlich wohl gethan. Ihre Züge, so manche eigenartige Bewegung erinnern mich so lebhaft an Diejenige, die mir entrissen. — O Leo, wenn ich Sie öfters sehen könnte — Sie sind der Bruder meiner bis über den Tod hinaus geliebten Gattin, seien Sie auch mein Bruder. Ich muß zwar auf Befehl des Fürsten in einer hochwichtigen Angelegenheit noch heute abreisen, ich vermuthe, daß ich diesen Befehl den Bemühungen meiner Freunde verdanke, die mich mit Gewalt meinem Trübsinn entreißen wollen. Sagen Sie, daß Sie mich begleiten wollen und ich verschaffe Ihnen heute noch eine ehrenvolle Anstellung!" Leo versicherte, daß es ihm nicht möglich, den Antrag anzunehmen. „Wollen Sie nicht das ^ind Ihrer Schwester sehen? Ich habe mich bisher noch nicht entschließen können, es zu sehen, es ist der Mörder meines Glückes — aber vor meiner Abreise wollte ich eS doch noch. Wenn Sie mich hinüber begleiten wollten, Leo, in Ihrer Anwesenheit, glaube ich, könnte lch's §her ertragen." Die ganze Dienerschaft war erstaunt, der alte Josef hoch erfreut, als Graf Staremberg in Werners Begleitung zum ersten Mal das Zimmer seines Kindes betrat. „Gottlob", flüsterte der treue Alte, „jetzt ist das Eis gebrochen." Ruhig schlummernd lag der ahnungslose Kleine in seiner Wiege; schwankenden Schrittes ans den Arm feines Begleiters sich stützend, nahte der Vater. Die Wärterin wollte das Kind emporheben, der Graf wehrte es. Nur einen langen innigen unaussprechlich schmerzlichen Blick heftete er auf ihn. „Viktor," sagte er leise, „Viktor!" und nahm die kleine Hand des Kindes. Leo fuhr zusammen und sah ihn fragend an. „Es war ihr Wunsch". Sie verließen das Kinderzimmer; Leo empfahl sich; der Graf zog ihn noch einmal in seine Arme und nach einem herzlichen Händedruck trennten sie fich. Leo eilte die breiten Marmorstiegen hinunter und athmete erst auf, als er das Staremberg'sche Palais hinter sich hatte. Die Unterredung mit dem Grafen hatte ungleich langer gewährt und ihn weit mehr erregt, als er vorausgesehen; er hatte beabsichtigt, unmittelbar darauf den Commerzienrath aufzusuchen und bei ihm um die Hand seiner Mündel anzuhalten, doch zu mannigfache einander zu sehr widersprechende Gefühle hatten in den letzten Stunden seine Brust erfüllt; er wollte zuvor allein sein, wollte sich sammeln, bevor er dem Vormund der Geliebten entgegentrat. Es war eigenthümlich, die Erscheinung des Grafen hatte einen äußerst bestechenden Eindruck auf ihn gemacht. Die tiefe Trauer desselben, sein ungeheuchelter wilder Schmerz hatten ihn erschüttert. Der Graf hatte <hn wie einen langjährigen Freund, wie einen Bruder behandelt, und selbst, daß er seinem Verlangen nicht entsprochen, so sehr er es wünschte, verdenken konnte er es ihm nicht. Aber sobald er das Palais im Rücken hatte, erschien ihm das Benehmen des Grafen plötzlich in einem ganz anderen Lichte. So sehr er seinen Schmerz ehrte, so innig die Trauer um seine Schwester seinem Herzen zusagte, so fand er doch in dem leidenschaftlichen Ausdruck derselben etwas Uebermäßiges, Mißliches. Unwillkürlich erinnerte sich er der Worte der sterbenden Schwester: „Ein Etwas sagt es mir, schließlich giebt er nach." Er war in die Straße eingebogen, in der sowohl seine Wohnung als die des Commerzienrathes sich befand; er wollte hinaufeilen in sein Zimmer, sich zuvor zu sammeln; doch sein Blick wandte sich zu den Fenstern der Geliebten; er glaubte, Helene an einem derselben zu gewahren, glaubte sich auch von ihr bemerkt und in holder Verwirrung sie erröthen zu sehen. Hatte sie vielleicht nach ihm sich umgesehen? nicht unwahrscheinlich, denn nach ihrem gestrigen Uebereinkommen hätte er schon jetzt bei ihrem Vormund sein sollen. Wie mit einem Zauberschlage waren alle diese aufregenden Gedanken an den Grafen verschwunden, er dachte nur an das eigene Glück, und eilte, es sich zu vergewissern. Er hatte bereits den Fuß erhoben, um die eigene Schwelle zu überschreiten; doch er wandte sich rasch um und eilte der Wohnung der Geliebten zu. Helene hatte sich vom Fenster zurückgezogen, hatte sie ihn in Wirklichkeit bemerkt? Ein Diener hatte ihn dem Commerzienrath gemeldet, und ihn in das Arbeitszimmer desselben geführt. Mit ausgestreckten Armen kam der Commerzienrath ihm entgegen. „Willkommen, herzlich willkommen, mein lieber theurer Freund. Sie häufen glühende Kohlen auf mein schuldig und doch, ich schwöre es Ihnen, unschuldiges Haupt. Es war mir gestern Abend total unmöglich, die Sitzung früher zu beenden. Ah, Sie sind glücklich, lieber Freund, denn Sie haben sicher keine AhnÄng davon, was die Menschen einen plagen können. Und dabei hatte ich es mir gradezu in