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Der Israelit · 1876-11-08 · Heft 45 (8.11.1876) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 45 (8.11.1876)
Date
1876-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1023 wußten, wir wollen nur fragen, wo bleibt denn die Einweihung eines jüdischen Gotteshauses nach der im jüdischen Gesetze vorgeschrievenen Weise? Nach jüdischem Gesetze (Sch. A. Orach Cha- -jim Cap. 1 >3, § 8) sind es nicht gemischte Chöre, sind es nicht salbungsvolle Predigten, ist die erste 112-22 n'pon das einzige Moment, was einem neu erbauten Gotteshause seine Helligkeit und Weihe verleiht; warum fehlt dieser Weiheact der einzig und allein unsere Synagogen zu Synagogen macht auf demProgramm? Hat mansich vielleicht genirt vor den anwesenden Mitgliedern des Senats und den übrigen Nichtjuden ofsiciel nmo zu beten, weil nrua rv?Bn auch nur „eine äußere Sitte ist, die Gott Nichts frommt." Wir kommen noch einmal auf diesen Passus zurück, weil er die bodenlose Leichtfertigkeit bloslegt, mit welcher hier verfahren worden ist. Al» der Weiseste der Weisen vor Jahrhunderten sein einzig großartiges Weihegebet bei der Einweihung des von ihm errichteten Gotteshauses betete, flehte auch er für den fernen nichtjüdischen fremden, der in diesem Tempel zu Gott beten werde, daß auch diesem Gebete Erhörung werden möge, „damit alle Völker der Eide Deinen Namen kennen lernen, wie Dein Volk Israel und erfahren, daß Dein Name über diesem Hause waltet." So sprach Salomo; der Bremer Chor a capella dagegen singt: — laß ihn bald Erbarmen finden, Auch Ten, der nicht auß unserer Mitte Dir seine Andacht hier bezeigt (?) Dir frommt ja nicht die äußere Litte, Wenn nur das Herz zu Dir sich neigt. Wir sind nun begierig, was die Herren Verfasser und Vertreter dieses Programms geantwortet hätten, wenn einer der anwesenden Nichtjuden dies Alles für baare Münze genommen und etwa gesagt hätte. „Liebe Brüder im Herrn! Wenn der liebe Gott unser Gebet, das wir hier beten, deshalb erhören soll, weil uns von Euch Nichts als die äußere Sitte scheidet, die äußere Sitte aber, wenn nur das Herz zu Gott sich neigt, gar Nichts frommt, so hättet Ihr eine Masse Geld Euch sparen, hättet m unsere Kirche kommen, unsere Äußere Sitte mitmachen und eine Synagoge ganz entbehren können." Wir verweilten absichtlich etwas länger bei diesen poetischen Licenzen, weitste die ganzen unabsehbaren Consequenzen zeigen, zu welchen diese Phrasenmacherei und ein so lächerliches Haschen nach Effect unabwendbar führen muß. Diese volltönenden Phrasen, welche geradezu eine rrrs2, eine Verleugnung des positiven JudenthumS unter ihrer fadenscheinigen Hülle verbergen, erklären Alles. Wer wollte sich noch darüber wundern, daß bei dem an eine solche Synagogeneinweihung sich anschließenden Festmahle, für das jüdische Gesetz kein Platz reservirt ist? Was sollte es auch da? Vorher und nachher nach jüdischer Sitte Gottes zu gedenken, ist eben nichts als äußere Sitte und die frommt Gott Nichts. Wenn man in allem diesem noch nicht ein böses Omen für die beabsichtigte Einführung der Reform in unsere Gemeinde erblicken wollte, so möge noch ein Citat der Einweihungsrede hier einen Platz und eine Besprechung finden, worin die Einführung der Reform in unverfrorenster Weise verkündigt wird. „Möge unser Gottesdienst in diesem Tempel Jeden zur Andacht stimmen, der daran Theil nimmt, auf Jeden erbauend und erhebend wirken. Helfet dadurch unserGotteshaus vollenden, daßwirunsern Gottesdienst veredeln. Sir müssen ihn befreien von Allem, was die Andacht stört, aber nicht weckt, wir müssen ihn von allem Unschönen entkleiden. Möchten uns deshalb diejenigen nicht grollen, welche glauben, durchaus fest an dem Alten hängen zu müssen, und nicht Das Geringste von dem Herkömmlichen aufgeben zu dürfen. Mögen sie bedenken, daß. wenn wir unseren Gottesdienst veredeln und verbessern, dies thun, nicht weil wir wollen, sondern weil wir müssen, nicht willkürlich, sondern nach dem Vorbilde von Lehrern, die Autoritäten in Israel sind, und von älteren Gemeinden, in denen sich die neuen Institutionen bewährt haben. Mögen sie endlich bedenken, daß die Aenderung nicht aus bloßer Neuerungssucht entsvringen. sondern aus der edelsten und besten Absicht, daß sie getroffen werden, damit uns das Heranwachsende Geschlecht nicht einstens einen Vorwurf mache und uns zurufe: Ihr habt uns von dem öffentlichen Gottesdienste ausgeschlossen wegen der unzeitgemäßen Einrichtungen, die ihr behalten habt. Dies bedenkend, werden sie uns hoffentlich die Hand dazu bieten und mithelfen, daß auch dieses Werk gelinge." Der Redner, Herr Lehrer Levinger, der bis jetzt allgemein als gesetzestreuer Jehudi geachtet wurde, hat durch die offene Darlegung seiner Gesinnung, seine Zuhörer nicht wenig frappirt. Wenn das Gros der Gemeinde mit ihrem Seelsorger an der Spitze, für die Reform plaidirt, dann können Lappalien, wie das alte jüdische Gesetz und der neue Gemeindefriede natürlich auf keine Berücksichtigung mehr Anspruch erheben. Die Quintessenz dieser Panegyrik der Reform lautet also: Veredlung des Gottesdienstes, Befreiung von allem Unschönen, die Andacht Störenden, Beschwörung des Grolles Derjenigen, die von dem Herkömmlichen Nichts aufgeben wollen, denn der

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