Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1876)
- Date
- 1876-11-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1016 Heute vor drei Wochen stand ich am Sterbebette meiner Schwester. Wie ich bereits erwähnt, und wie meine süße, einzige Helene schon vorher errathen hatte, meine arme Schwester hat ihre Verirrung aufrichtig bereut und sterbend mir das Versprechen abgenommen, alles Mögliche aufzubieten, den Grafen zu bewegen, ihr Kind mir zu übergeben, damit ich es zu'einem braven, gesetzestreüen Juden erziehe und wie sie selbst sich ausdrückte, damit es einst den Frevel seiner Mutter sühne. Ich habe mein Wort gegeben, das Mögliche zu versuchen und im Falle des Gelingens ihr Kind als mein eigenes zu betrachten. Ich glaube nun zwar kaum, daß ich im Stande sein werde, den Grafen dazu zu bewegen, aber unmöglich ist es sa doch ni^t und mein sehnlichster Wunsch ist es auch, und wenn es mir gelingen würde, würde der Sohn meiner Schwester mein Sohn sein." „»Und meiner,"" fiel Helene lächelnd ein. „Ich wußte es ja," erwiederte Werner, innig ibre Hand drückend, „aber ich wollte es Dir doch mitgelheilt haben, bevor ich mit dem Commerzien- Rath spreche." „„Ach wie würde ich mich freuen, wenn der Graf einwilligen würde. Du solltest nur sehen, Leo, wie ich das Kind hegen und pflegen und lieb haben würde, und Alles, was Du mich lehren würdest, würde ich das Kleine lehren — ach, wie wäre das so schön, so schön."" „Ich zweifle sehr, daß es sein wird. Aber gleich morgen, noch bevor ich das Glück haben werde, meine kleine, holde Braut wieder zu sehen, werde ich den ersten Versuch machen. Wie ich heute erfuhr, ist der Graf 'm Begriffe, eine größere Reise anzutreten, da darf ich nicht zögern." Der Abend war schon vorgerückt trotz seines Versprechens, die Heimkehr des Commerzienrathes zu erwarten, fand es Leo nicht ziemlich, länger zu verweilen. Mit der wiederholten Versicherung, gleich am folgenden Tage beim Vormund um die Hand seiner Mündel anhalten zu wollen, entfernte er sich endlich. Das Herz war ihm so voll und doch so leicht, er fühlte sich unaussprechlich glücklich, denn nach dem, was er von Helenen vernommen, konnte er an des Commerzienraths Einwilligung nicht zweifeln. Wenn nur die Nacht erst vorüber — wie schade, daß der Commerzienrath so lange nicht gekommen, wäre er früher gekommen, sein Glück wäre schon setzt besiegelt. — Aber morgen mußte er vor Allem erst den Grafen Staremberg aufsuchen. Der alte Josef, der aus Anhänglichkeit an seine verstorbene Herrin ihn zuweilen aufsuchte, um unaufgefordert über den Gemüthszustand seines Gebieters zu berichten, hatte ihn bisher noch immer zurückgehalten, dem Grafen die letzten Grüße feiner Schwester zu überbringenaber heute hatte er ihn aufgefordert, morgen in den Vormittagsstunden in das Staremberg'sche Palais zu kommen, da sein Herr auf dringendes Anrathen der Aerzte Nachmittags eine längere Reise antreten werde. Zwei Tage nach Herminens Tode war Graf Arthur zurückgekehrt in sein verödetes Heim. Seine Verzweiflung überstieg alle Grenzen, mit Gewalt mußte man ihn fortreißen von der Leiche der Geliebten, er raste förmlich. Zu innig hatte er sie geliebt, zu innig hatte er an ihr gehangen mit allen Fasern seines Denkens und Empfindens, als daß er ihren Verlust ohne Murren hätte ertragen können. Zu viel hatte er auch für sie geopfert. Um ihretwillen hatte er dem Vorurtheil seiner ganzen Kaste Trotz geboten, um ihretwillen sich mit nahezu seiner ganzen Familie überworfen — und nun, nach kaum sechsjährigem Besitze war sie ihm entrissen. Man hatte ihn noch nicht bewegen können, sein Kind zu sehen — sein Kind, der Erbe seines Namens, nach dem er sich so heiß gesehnt — er sah in ihm die allerdings unschuldige Ursache seines entsetzlichen Verlustes, und hielt sich nicht im Stande, seinen Anblick zu ertragen. In vollständiger Apathie hatte er die Mittheilung vom Brande seines Stammschlosses entgegengenommen; wozu das Schloß, wenn diejenige fehlte, an deren Seite er dort die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht. Schloß Starcm» berg war ihr Lieblingsaufenthalt gewesen, es gewährte ihm beinahe eine Art Genugthuung, daß nach ihr es Niemand mehr bewohnen konnte. Er war nicht zu bewegen, auch nur die unerlässigsten Anordnungen zu treffen und überließ Alles seinem Verwalter. Dumpf vor sich hinbrütend saß er in seinem Zimmer, unzugänglich den Bemühungen und Trostesworten seiner treuesten Freunde Der alte Josef, den seine verstorbene Gebieterin in gewisser Beziehung zum Vertrauten gemacht , der wußte, daß sie ihre letzte Bestimmung in Betreff ihres Kindes ihrem Bruder mitgetheilt, hielt es im Interesse der Verstorbenen für höchst wünschenswerth, daß der Graf seinem Schwager nicht wie allen Anderen in schroffster Weise entgegentrete. Er hatte es daher bisher für's Beste gehalten, eine Zusammenkunft Beider hintan zu halten; doch sobald er erfahren, daß sein Herr schon am folgenden Tage das Land verlassen werde, hielt er es für seine Pflicht, Werner davon in Kenntniß zu setzen. Zur bestimmten Stunde betrat dieser nun zum zweiten Mal das gräflich Staremberg'sche Palais.