Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1876)
- Date
- 1876-11-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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1017 Der Kammerdiener seiner verstorbenen Schwester harrte seiner bereits im Portal. Werner ersuchte ihn, ihn seinem Herrn zu melden. Der Alte zuckte die Achseln, er wußte, was es jetzt mit dem Melden auf sich hatte; der Graf hörte Niemanden an, antwortete Keinem. Trotzdem that er das Seinige, begab sich in des Grafen Zimmer und meldete den Wartenden. Ob sein Herr ihn gehört hatte? er wußte es nicht, geregt hatte er sich nicht. So blieb ihm denn nichts Anderes übrig, als den jungen Mann auf eigene Verantwortung eintreten zu lassen; seufzend zog er sich dann zurück. Zum ersten Mal stand Leo dem Manne gegenüber, um den er den herbsten, bittersten Schmerz seines Lebens empfunden. Um seinetwillen hatte Hermine ihn verlassen, um seinetwillen hatte sie das Heil ihrer Seele geopfert. Es war ihm willkommen, daß der Graf ihn nicht sogleich bemerkte; im ersten Momente wäre er schwerlich im Stande gewesen, ihm, wie er es sich vorgenommen hatte, ruhig entgegenzutreten. Der Graf lehnte in einem Fauteuil, seine hohe, imponirende Gestalt schien wie gebrochen, seine sonst so blühende Gesichtsfarbe war gelblich bleich, sein sonst so feuriges Auge starrte träumerisch jetzt auf ein prachtvolles Oe'lgemälde der entschlafenen Geliebten. Doch trotz der Verwüstungen, die der Kummer der verflossenen Wochen in ihm hervorgcbracht, erkannte Werner in ihm den blendend schönen Kavalier und zum ersten Mal fand er die Verirrung seiner verstorbenen Schwester zwar nicht weniger sträflich, aber doch mehr begreiflich, fand, daß es für ein ungestähltes Madchenherz eine schwere Versuchung gewesen, der sie erlegen. Ihm selber unbewußt entrang sich ein schmerzlicher Seufzer, fast ein Stöhnen seiner Brust, und unterbrach die lautlose Stille, die im Gemach herrschte. Unwillkürlich wandte der Graf sich um und erstaunt, verdrießlich, einen Fremden, wie er wähnte, unangemeldet bei sich zu sehen, fuhr er ihn barsch an: „Was wollen Sie? wer sind Sie?" „„Mein Name ist Leo Werner,"" entgegnete der Angeredete, näher tretend, „„und ich komme —"" „Leo Werner," wiederholte der Graf, die Hand an die Stirn legend, wie um sich zu besinnen, „Leo Werner —" „„Ich bringe dem Herrn Grafen die letzten Grüße meiner verstorbenen Schwester, Und — Der Graf war aufgesprungen, um ihm entgegen zu eilen, doch die Kräfte versagten ihm, er mußte sich an den Sessel halten — jetzt erst entsann er sich, daß der Sanitätsrath ihm mitgetheilt, Hermine habe dringend nach ihrem Bruder verlangt und dieser habe die letzten Stunden bei ihr zugebracht. „Leo," stammelte er, „Leo, sie hat Sie so innig geliebt — sie hat Ihren Namen so oft genannt — Leo — Leo — verzeihen Sie — ich kann Sie nicht anders nennen." Tief ergriffen von dem aufrichtigen Schmerz des Andern, faßte Leo die Hand, die der Graf ihm reichte. Leo's Blick ruhte auf dem Bilde seiner Schwester, während der Graf mit wachsendem Interesse das Antlitz des Bruders betrachtete. „Diese Aehnlichkeit!" murmelte er, „diese entsetzliche , diese wunderbare Aehnlichkeit. — Ja, daS sind ihre Augen, wenn sie mit Kennerblick bewundernd auf einem Kunstwerk ruhten, das ist ihre schöne gewölbte, klare, freie Stirn, das ist ihr —" Die Stimme versagte ihm, mit wilder Leidenschaft zog er den jungen Mann an seine Brust, während ein Strom von Thränen seinen Augen entstürzte; es waren die ersten, die er seit seinen frühesten Kinderjahren geweint. :JJ Tief erschüttert mußte^äuch^Leo nach Fassung ringen. „Herr Graf," begann er endlich mit bebender Stimme, als das heftige Schluchzen des Unglücklichen nachgelaffen.M „„Nicht so, nicht so,"" wehrte der Andere heftig. .. „Sie sind ihr Bruder — ich kann diese fremde Anrede von Ihnen nicht ertragen. — Ich sollte Ihnen gram sein,"" fuhr er nach einigen Augenblicken fort, „„denn Sie haben unsere wiederholten Annäherungsversuche stets schroff zurückgewiesen, blieben unversöhnlich trotz des BittenZ und Flehens Ihrer Schwester und haben ihr dadurch Schmerz bereitet. — Aber sie hat Sie so sehr geliebt, daß ich es tief empfinde, welch' große Beruhigung es ihr sein mußte, in ihren letzten Stunden Sie an ihrer Seite zu sehen. — Betrachten Sie mich ewig als Ihren Schuldner. — Und nun, bitte, erzählen Sie mir von ihr — Sie schauten später als ich in ihr holdes Antlitz — drückten später als ich ihre liebe, liebe Hand. — O! und ich mußte fern sein."" Erdrückte das Gesicht mit beiden Händen und ächzte laut. „Hermine bat mich, zu Ihnen zu gehen," sprach Leo erregt, doch sorgfältig jede Anrede vermeidend, „ich sollte Ihnen ihre letzten Grüße bringen und Ihnen sagen, daß sie Ihnen danken lasse für alle Ihre Liebe und daß sie Sie geliebt habe bis zu ihrem letzten Athemzuge."