Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1876)
- Date
- 1876-11-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1014 Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien. Die Kaufmannsgattin FrauG. hatte ihrem Gemahl, der ein sehr vermögender Kaufmann ist, einen Erstgeborenen geschenkt und die Freude über das Erscheinen des kleinen Weltbürgers war keine geringe. Nach vorgeschriebener Frist sollte die Beschneidung des Kindes stattfinden und sämmtliche Verwandte des Hauses, sowie Rabbiner, Arzt und Operateur hatten sich zur festgesetzten Stunde bei den Eltern eingefunden. Da — plötzlich — der rituelle Act sollte eben in Scene gesetzt werden, wurde die zum Kinde aufgenommene Amme mit dem in diesem Augenblick so wichtigen „jungen Prinzen" vermißt. Die Verwirrung wuchs, als das Paar trotz eifrigen Suchens aller Anwesenden nicht anfgefunden werden konnte. Niemand vermochte das räthselhafte Verschwinden der Amme mit dem Kinde zu erklären . da 'Erstere von dem anberaumten religiösen Acte Kenntniß und den Knaben selbst mit dem festlichen Gewände zur Beschneidung bekleidet hatte. Da das ganze Haus vergeblich durchgeforscht war, der Vater in seiner Verzweiflung auf die Polizei gesendet hatte und keine Spur der Verschwundenen aufzuftnden war, setzten sich G. und die übrigen Verwandten zu Wagen und setzten einzeln in der Stadt und Umgebung ihre Forschungen fort. Man kann sich den Schmerz und die Aufregung der noch nicht vollkommen hergestellten Mutter vorstellen. Währenddem glückte es endlich einem jungen Anverwandten des G., die Spur der Amme mit dem Kinde zu entdecken, mit Glück zu verfolgen und zu dem Kinde zu gelangen. Die slovakische Amme gab, als sie über ihr sonderbares, zu Besorgniß und Aufregung Anlaß gebendes Benehmen befragt wurde, unter Thränen zur Antwort, daß sie nur die Liebe zum Kinde, an dem sie Mutterpflichten ausübte und das sie der ihr sehr gefährlich scheinenden Operation der Beschneidung nicht ausgesetzt wissen wollte, zur Flucht getrieben habe. Sie hielt sich, als sie entdeckt wurde, bei einer Person, die ihr schon öfter Dienste verschafft hatte, auf und war erst dann, als man ihr das Versprechen gegeben hatte, ihrem Schützling kein Leid zu thun, zur Rückkehr in das Haus zu bewegen, wo erst spät die übrigen Anwesenden eintrafen und der religiöse Act vollzogen werden konnte. Der „kleine Prinz" befindet sich unter der Pflege seiner Beschützerin im besten Wohlsein. ' (Wiener Vorstadt-Ztg ) Wien, 20. Oct. In der heutigen Sitzung des Gemeinderaths wurde der nachstehende, vom Vicepräsidenten Uhl und 66 Gemeinderäthen unterfertigte Dringlichkeitsantrag eingebracht: „Seit Bestehen des neuen Gemeinderathes, also seit 15 Jahren, ist Wilhelm Frankl Mitglied dieser Körperschaft, und Niemand von uns wird ihm das Zeugniß versagen, daß er während dieser ganzen Zeit mit dem seltensten Eifer und der selbstlosesten Hingabe sich den mit diesem Ehrenamte verbundenen Pflichten gewidmet bat. Zahlreiche große und schwierige Referate fanden durch ihn die gründlichste Behandlung. Was Frankl im Interesse des städtischen Lagerhauses gewirkt hat und noch wirkt, das ist uns Allen bekannt — die Organisation dieses hochwichtigen Institutes ist in vielen Richtungen seine Schöpfung. Als Mitglied des niederösterreichischen Landtages ist Frankl stets lebhaft für die Interessen der Stadt Wien eingestanden , ebenso hat er als Mitglied der niederösterreichischen Handels - und Gewerbekammer in einer den Handels- und Gewerbe-Interessen sehr günstigen Weise gewirkt. Aber auch auf humanitärem Gebiet hat Frankl bedeutende und anerkennenswerlhe Verdienste aufzuweisen. „Seit 1858 Vorstandsmitglied der israel. Cultusgemeinde und Mitglied zahlreicher Wohlthätigkeitsvereine, hat Frankl stets Gelegenheit gefunden, seinen Wohlthätigkeitssinn durch zahlreiche Humanitäts-Acte zu bethättgen. Seit dem Bestehen der Kaiser-Franz-Joseph-Stiftung für Klein - Gewerbtreibende ist Frankl auch Mitglied des Curatoriums dieser Stiftung, und auch in dieser Stellung zeigt er einen nie erlahmenden Eifer, große Kenntniß der Lage unseres Gewerbestandes, sowie er sich auch als seinerzeitiger Referent im Gemeinderathe um die Organisation der Verwaltung dieser Stiftung große Verdienste erworben hat. „In Erwägung dieser Umstände beantragen die Gefertigten: Der Gemeinderath wolle dem Gemeinderathe Wilhelm Frankl in Anerkennung seines hervorragenden gemeinnützigen und Humanitären Wirkens,' die große goldene Salvator- Medaille verleihen." (Von 66 Gemeinderäthen unterschrieben. Mit Stimmen-Einhelligkeit angenommen.) Pesth. Der Reichstag bleibt diesmal nur kurze Zeit beisammen. Es kann von demselben daher auch nicht gefordert werden, daß er „neue Schöpfungen" zu Stande bringe. Allein gegen die Regierung, namentlich aber gegen den Cultusminister Trefort, sind die politischen Blätter sehr aufgebracht, daß er es unterlassen, dem Reichstag ein Gesetz über Religionsfreiheit zn unterbreiten. Seitdem der verstorbene Franz Deak vor etwa 3 Jahren seine Rede über Religionsfreiheit im Reichstage gehalten, hat die Regierung wiederholt versprochen, ein solches Gesetz dem Parlamente