Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1876)
- Date
- 1876-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447686--13052-2468903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1011 London. In Süd-London ist am 23. d. M. mit größter Ueberlegung ein erbarmungsloser Mord auf offener Straße begangen worden. Zwischen 7 und 8 Uhr ging ein Kaufmann, Frederick Barnard, aus Penton-Place, als er von einem Manne, der Isaak Marks genannt wird, mit einem sechsläufigen Revolver angegriffen ward. Der Angreifer feuerte vier Schüsse ab, einer ging fehl und in ein Ladenfenster, ein anderer traf Barnard's Brust, ein dritter den Hals, ein vierter die Schläfe. Der Tod erfolgte gleich darauf. Der Mörder warf den Revolver -m Boden und meldete sich selbst auf der nächsten Polizeistalion. Ein zweiter Bericht lautet: Der Pole Isaak Marks hatte gestern, des vorsätzlichen Mordes angeklagt, sein erstes Verhör vor dem Polizeigericht in Lambeth zu bestehen. Der Mörder ist 37 Jahre alt, mosaischer Konfession und betreibt das Gewerbe eines Antiquitätenhändlers im Westende von London. Der Ermordete war ebenfalls Jude. Marks hatte der Schwester Barnard's eine zeitlang den Hof gemacht und ihr die Ehe versprochen, aber sein Versprechen nicht gehalten, weßhalb er gerichtlich zur Zahlung einer Entschädigungssumme von 50 Pfund sterling verurtheilt worden war, die er indeß nicht zahlte. Dadurch entstanden die Mißhelligkeiten, die einen so unglücklichen Ausgang genommen. In dem Verhöre gestand Marks seine'Schuld ein, sprach aber den Wunsch aus, sich mit dem russischen Botschafter in Verbindung zu setzen. Um ihm dazu behilflich zu sein, wurde die Verhandlung um eine Woche ausgesetzt. Feuilleton. Therrsa. VIII. Herr Bernstein und seine Tochter saßen bei ihrem einfachen Abendmahle, als die Thüre des Dachstübchens sich öffnete und Baron Hohenacker eintrat. Ein lauter Schrei entrang sich Theresa's Brust. „Fräulein Bernstein," sagte der Baron, „ich bin frei, frei durch Sie! Theresa, ich habe mich schwer gegen Sie vergangen, können Sie mir verzeihen?" „„Herr Baron,"" antwortete Theresa, „„ich habe zwar versprochen, Sie nicht mehr kennen zu wollen; da aber der allgütige Gott mir die Gnade erwiesen hat, dazu beizutragen, daß ein fälschlich Angeklagter gerechtfertigt ist worden, so wäre es wohl nicht recht von mir, starr bei meinem Ausspruche zu verharren. Was Sie gegen mich gefehlt haben, Herr Baron, habe ich Ihnen längst verziehen. Die Aussage, die ich heute zu Protokoll gegeben, war lediglich eine Sache der Pflicht. Auf Ihre Dankbarkeit habe ich keinen Anspruch."" „Für Ihre Verzeihung meinen heißesten Dank. Und nun habe ich eine Bitte an Sie, Fräulein Bernstein, eine große Bitte. Ich habe nicht einen Augenblick aufgehört, Sie zu lieben. Theresa, werden Sie meine Gattin, beglücken Sie mich durch Ihre Hand. £), verschmähen Sie mich nicht; Sie thun ein gutes Werk, wenn Sie sich meiner erbarmen. Ohne Sie gerathe ich auf Abwege, bin ich ein verlorener Mensch. Die süngste Katastrophe hat es mir deutlich gezeigt. Nur um Sie zu vergessen, habe ich jene Kreise ausgesucht, nflt denen der Verkehr mir hätte so verderblich werden können. Ich liebe Sie so innig, Theresa, werden Sie mein, mein angetrautes, geliebtes W-'ib. Ich will Sie auf Händen tragen und keinen andern Wunsch im Herzen hegen als den, Sie zu beglücken." „„Mein Herr Baron, noch ehe Sie jenen schrecklichen Brief schrieben, ffprach mein Vater die Vermuthung aus, daß Sie mich vielleicht zur Gattin wählen würden. Schon damals, als der Ruin unserer Vermögensverhältnisse wie ein drohendes Gespenst vor uns stand, das durch Ihre Dazwischenkunft hätte verscheucht werden können, schon damals — mein Vater ist mein Zeuge — sprach ich es entschieden aus, daß ich mich nie entschließen würde, Ihre Gattin zu werden. Seitdem rst das Unglück über uns hereingebrochen; aber wir haoen uns mit der Armuth befreundet; mein Vater und ich, wir sind zufrieden mit unfern bescheidenen Verhältnissen, mit unserm Leben voll Arbeit und Entbehrungen; ich will diese Lage nicht verändern; ich bleibe unvermählt."" „O, Theresa, reden Sie nicht so. Gestatten Sie mir doch, einen Theil meiner schweren Schuld wieder gut zu machen, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen, indem ich . . . ." „„Ihre Schuld habe ich Ihnen verziehen; Dank habe ich nicht zu beanspruchen," " „Aber ich liebe Sie, Theresa, liebe Sie unendlich und kann ohne Sie nicht leben!" „„Und ich, Herr Baron, ich weigere mich entschieden, Ihre Gattin zu werden. Gehen Sie, ich kann mich in keine weitern Discussionen mit Ihnen einlassen." " Baron Hohenacker warf einen unzemein schmerzlichen Blick auf Theresa, welche die Augen nieder-