Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1876)
- Date
- 1876-10-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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992 Etwas zwischen Beide gestellt zu haben, freilich kein feindliches Etwas, aber doch ein Etwas, das den Anfang der Unterhaltung erschwerte. Helene spielte mit einer feinen Goldkette, die sie unzählige Mal um den schlanken Finger rollte und schien dieses Spiel sie so zu interessiren, daß sie keinen Blick davon wandte. Werner schaute mit dem Ausdruck unverholener Bewunderung in das zwar nicht auffallend schöne aber unendlich anmuthige und intelligente Antlitz des jungen Mädchens. „Ich glaube, es sind gerade heute drei Wochen, Fräulein Helene, seit ich nicht das Glück hatte. Sie zu sehen." , „„Grade drei Wochen", bestätigte sie, „erforderte es nicht eigentlich die Höflichkeit, daß ich versicherte, von Ihnen geieehn zu werden, wäre meinerseits ein Glück?"" fügte sie lächelnd hinzu. „Das weiß ich nicht, denn auf Höflichkeits- Phrasen lege ich wenig Gewicht; aber mich würde es in Wirklichkeit beglücken, wenn ich den Worten des Herrn Commerzienraths Glauben schenken und annehmen dürfte, daß auch Sie, Fräulein Helene, mein Ausbleiben wenigstens bemerkt haben." ..„Nun, das freut mich"", rief sie muthwillig. „„daß ich Sie glücklich machen kann. Ja, Herr Werner, ich habe Ihr Ausbleiben bemerkt, denn ich habe die beiden ersten Bände des Werkes, die Sie mir geliehen, ausgelesen und mit Spannung der' Fortsetzung entgegengesehen, und dann — Ach verzeihen Sie"", rief sie plötzlich ernst werdend, als sie seinem ernsten, fast traurigen Blick begegnete, „„verzeihen Sie, daß ich scherzen konnte, während ich doch wissen wußte, daß Sie nicht in der Stimmung sind, meinen Scherzen zu begegnen. Aber ich bin froh, Sie endlich einmal wiederzusehen."" „Dank, Fräulein Helene, innigen herzlichen Dank für diese so gütigen Worte." „Sie sind übrigens im Jrrthum, Fräulein, wenn Sie glauben, daß ich mich in gedrückter Stimmung befinde. Es ist wahr, ich habe meine einzige Schwester verloren, die ich einst unaussprechlich geliebt, aber diese Schwester war seit Jahren todt für mich; erst auf ihrem Sterbebette sprach sie ihre aufrichtige Reue über ihre Verirrung aus und wünschte sehnlichst, zurückzukehren zu der Religion, in der sie geboren — sterbend erkannte sie den Gott Israels. — Erst seit ihrem Tode lebt daher ihr Andenken wieder rein in meinem Herzen, erst seit ihrem Tode darf ich wieder in voller Liebe ihrer gedenken." Ergriffen von der Erinnerung hielt er inne — voll inniger Teilnahme und innigem Verständniß schaute sie zu ihm auf. „„Das konnte ich mir denken,"" sagte sie leise. „Was konnten Sie sich denken?" fragte er lebhaft. „„Daß Ihre Schwester ihre Verirrung vor ihrem Tode bereut hat, sonst hätte auch ihr Tod Sie nicht bewogen, sich mit ihr auszusöhnen."" In Werners Auge glänzte es hell auf, es machte ihn unaussprechlich glücklich, sich so vollkommen verstanden zu sehen. Helene mißdeutete eine Bewegung und nicht ohne Verlegenheit fuhr ie fort: „„Es scheint Sie zu befremden, daß ich unwissendes Mädchen mir in dieser Sache ein Urtheil angemaßt."" „Fräulein Helene, ich bitte —" „„Herr Werner, ich möchte Sie vielmehr um Etwas bitten. Erst gfcit ich Sie kennen gelernt, sehe ich, daß ich von der Religion, in der ich geboren bin, auch nicht die mindeste Kenntniß habe. Sie beobachten Ge- und Verbote, von denen ich auch nicht die leiseste Ahnung hatte, aber die Erklärung, die Sie mir über einige derselben gegeben, hat mein innigstes Interesse erregt. Da möchte ich Sie nun bitten, Sie wollten die Güte haben, mir einen tüchtigen Religionslehrer zu empfehlen."- „Helene!" jauchzte er, „Helene, verstehe ich Sie recht?" Sie wollten Religionsunterricht nehmen?" „„Wenn ich einen guten Lehrer finden könnte."" Seine Brust arbeitete mächtig, aus seinem Auge strahlte die höchste Freude. „Helene, wenn Sie nur eine Ahnung davon hätten, wie unaussprechlich glücklich mich Ihr Verlangen macht." Sie schaute verwirrt zu Boden; er fuhr fort, aber mit bebender Stimme: „Und wenn ich Sie nun bitten würde, Helene, wenn ich Sie inständigst bitten würde, mich als Lehrer annehmen zu wollen?" „„Das käme auf das Honorar an, das Sie fordern würden,"" erwiderte sie, einen scherzenden Ton erzwingend. „Und wenn ich nun ein hohes, wenn ich das Höchste fordern würde. — Helene — wenn ich — wenn ich es wagen würde, Sie um Ihre Hand zu bitten — dürfte ich hoffen? — darf ich?" — Innere Erregung drohte seine Stimme zu ersticken , er hatte die letzten Worte nur ganz leise gesprochen, aber sie hatte sie dennoch vernommen.