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Der Israelit · 1876-10-25 · Heft 43 (25.10.1876) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 43 (25.10.1876)
Date
1876-10-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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991 Reiz für mich. Doch um wieder auf Herrn Werner zu kommen. Können Sie sich denken, liebe Helene, daß ein Bruder, der, wie man sagt, seine Schwester innigst geliebt hat, aus dem einzigen Grunde, daß ' diese Schwester einige Tropfen Wasser sich aus's Haupt hat sprengen lassen, um Gräfin Staremberg zu werden, daß er deshalb total mit ihr gebrochen, sie nicht mehr als Schwester hat erkennen wollen und alle Annäherungsversuche sowohl des Grafen als der Gräfin schroff zurückgewiesen hat. Ja, was wollen Sie mehr? man versichert mich, als die Gräfin ihr Ende herannahcn fühlte, und den einzigen Bruder noch einmal zu sehen verlangte, da hat man erst dreimal zu ihm schicken müssen, ehe er dazu zu bringen war, den Wunsch der sterbenden Schwester zu erfüllen. Können Sie sich den Fanatismus crasser vorstellen? Zuletzt freilich ist er zu ihr gegangen und soll sich sogar vor ihrem Tooevollständig mit ihr ausgesöhnt haben, aber bei ihrem Leichenbegängnisse war er doch nicht gegenwärtig. So sind die Orthodoxen. Hätten Sie dem sanften, so gutmüthig dreinschauenden Werner einen solchen Fanatismus zugetraut? ' „„Ich muß gestehen,"" erwiederte Helene abermals erröthend, „„daß ich in Herrn Werners Handlungsweise nichts weniger als Fanatismus erblicke."" „Wie!" rief Mühlheim in wirklichem Erstaunen, „Sie finden es nicht fanatisch, wenn ein Bruder aus einem so irrelevanten Grunde seine Schwester verleugnet?" „„Wenn die Schwester die Religion, in der sie geboren, verleugnet, diesen Grund möchte ich doch nicht so ganz irrelevant finden. Vollkommen begreife ich es, daß Herr Werner wegen der Taufe mit seiner Schwester gebrochen, denn er glüht für seinen Glauben und finde ich es daher auch begreiflich, daß er sich an ihrem Leichenbegängnisse nicht betheiligt hat; weit weniger verstehe ich es, daß er sich, wie Sre hörten, vor ihrem Tode mit ihr ausgesöhnt haben soll; das ist entweder nicht der Fall gewesen, oder es muß etwas dazwischen liegen, was Sie nicht gehört. Herr Werner läßt sich keine Inkonsequenzen zu Schulden kommen."" „Schau, schau, schau," lachte Mühlheim, „wenn der Werner wüßte, was für einen beredten Anwalt er an Ihnen hat?" Ein Diener trat ein und meldete den Besuch des Herrn Werner. „Wenn man von der Sonne spricht, zeigt sie ihre Strahlen!" rief der Commerzienrath und eilte dem Eintretenden entgegen. „Ei willkommen, herzlich willkommen, mein lieber theurer Herr Werner! Wo in aller Welt haben Sie denn gesteckt? Es ist ja eine halbe Ewigkeit, seit wir nicht das Vergnügen hatten, Sie bei uns zu sehen. Ist es denn erlaubt, seine besten Freunde so zu vernachlässigen?" „„Es ist für mich außerordentlich schmeichelhaft,"" erwiederte Werner, sich höflich gegen den Commerzienrath und seine Mündel verneigend, „„daß Sie mich vermißt zu haben scheinen."" „Und daran haben Sie zweifeln können, Sie böser, böser Mensch! ich fange an, in Wirklichkeit zu glauben, ^daß Sie die herzliche Freundschaft, die wir für ^ie empfinden, gar nicht verdienen." ^„Jch hoffe doch,"" erwiderte Werner, „„aber es gibt Stimmungen, in denen Einsamkeit ein so unabweisbares Bedürfniß ist, daß wir selbst die treuesten Freunde meiden müssen."" „Ich verstehe Sie, mein lieber junger Freund, verstehe Sie vollkommen. Soeben, in' dem Moment, bevor Sie ins Zimmer traten, sprachen wir noch von dem herben Verlust, den Sie erlitten und ich bitte Sie, unserer innigsten Theilnahme sich versichert zu halten. Nicht wahr, liebe Helene, Sie erlauben mir, das auch in Ihrem Namen unserm lieben Freunde zu versichern?' „„Ich hoffe, Herr Werner ist auch ohne Versicherung von unserer Theilnahme überzeugt,"" erwiderte Helene, ohne den Blick zu heben. „Gewiß mein Fräulein, und —" „„Wie das liebe Herzenskind mit jedemWorte den Nagel auf den Kopf trifft,"" fiel der Commerzienrath ein „„Aber Potztausend!"" unterbrach er sich selbst, einen Blick auf die Uhr werfend, „„da hätte ich beinahe ganz daran vergessen, daß wir heute Generalversammlung haben, da darf ich, als Präsident, doch nicht fehlen. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, mein lieber Herr Werner, es thut mir unendlich leid, daß ich gerade heute, da wir seit so langer Zeit zum erstenmal wieder das Glück haben, Sie bei uns zu sehen, mich entfernen muß, aber ich hoffe, Sie noch hier zu treffen. Liebste Helene, ich bitte Sie, geben Sie sich doch recht viel Mühe, unfern lieben Freund bis zu meiner Heimkunft hier zu halten. A revoir mon eher ami Unterthänigster Diener meine theure Helene!"" er zog die schmale Hand, die sie ihm gereicht hatte, galant an die vollen sinnlichen Lippen und ließ nicht nach, bis er von Werner das Versprechen erhalten, seine Heimkehr abwarten zu wollen; nickte dann Beiden freundlich, väterlich zu und entfernte sich mit der Versicherung, die Generalversammlung heute per Dampf leiten zu wollen. Die beiden jungen Leute waren allein und seltsam, so leicht und traulich sie sonst mit einander plauderten, das Lächeln des Commerzienrathes, seine neckenden Worte schienen ein

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