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Der Israelit · 1876-10-25 · Heft 43 (25.10.1876) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 43 (25.10.1876)
Date
1876-10-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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986 sorgenfreies Leben zu führen im Stande war. Der mit der Untersuchung betraute Polizei- Commifsär Lang nahm unter Assistenz zweier Detectives unmittelbar nach der Verhaftung Kramer's in dessen Wohnung, II., Große Schiffgasse Nr. 2, eine Durchsuchung vor, die ein eminentes Resultat für die Untersuchung lieferte. Außer einer Anzahl gefälschter Empfehlungsbriefe fand man auch Verzeichnisse sämmtlicherMitglieder dieses Verbrecher confortiums, der Führer derselben in den einzelnen Großstädten des Continents, die sie bereisten, und die Liste derjenigen Personen, deren Mildthätigkeit in Anspruch zu nehmen sei. Zu dieser Schwindlerbande gehören auch die Professionsbettler Tintner, Löwenstein, Hersch Margulies, Rachmann und Hase. Die ersteren Drei haben im vorigen Jahre in Wien operirt und sich dann, als die Betrügereien der Behörde bekannt wurden, geflüchtet. Kürzlich wurden sie in einer Stadt in Böhmen hinter Schloß und Riegel gebracht. Die Frechheit dieser Gauner ging so weit, daß sie die Bittgesuche mit falschen Siegeln der Behörden versahen und hierdurch in den angesehensten Familien die reichsten Unterstützungen erhielten. Die Operations-Kanzlei war zumeist in Berlin oder in einem Hotel in Breslau. Rachmann und Hase ertheilten die Befehle, d. h. mit ihrem Einverständnisse wurden die Betrüger nach den Großstädten versendet, um Personen zu brandschatzen. Jeder Einzelne erhielt die Liste der als WoUthäter bekannten Leute und zugleich ein echtes Empfehlungsschreiben an einen Führer der Gauner, die in jeder Großstadt stabile Sitze hatten. Für diese Dienstleistungen erhielten Rachmann, Hase und der Führer den dritten Theil der eingegangenen Unterstützungsbeiträge. Zu diesem Consortium gehört auch ein gewisser Joseph Zelenka, rooto Selenka, der im Monate December vorigen Jahres hier verhaftet worden ist und gegenwärtig in einer Kerkerzelle seine Strafe abbüßt. Dieser hat die hervorragendsten Aristokraten des In- und Auslandes, ja selbst einige regierende Fürsten in Deutschland gebrandschatzt. Die Petenten, welche in den grellsten Farben ihre Nothlage schilderten, führten in jedem einzelnen Bittgesuche einen anderen Namen und Charakter, und dies war der hauptsächliche Umstand, daß man lange ihr richtiges Nationale nicht ermitteln konnte. Kramer hatte sich beispielsweise die Namen Bernhard Elsner und Albert Spero beigelegt. Die Zahl der Beschädigten, unter denen * auch Baron v. Rothschild in Paris flgurirt, ist eine riesige. Kramer wurde heute dem Landgerichte einaeliefert. Wegen dringenden Verdachts der Mitschuld ist auch dessen Unterstandsgeber Jacob Landa in Verwahrungshaft genommen worden. Frankreich. Paris. Bei dem katholischen Congreß zu Bordeaux hat der Kapuziner Pater Ludovic eine — Kapuzinade darüber gehalten, daß Katholiken so thöricht und religiös-gleichgiltig seien, ihre Gegner selbst zu stärken, indem sie bei ihnen kaufen, einkehren, arbeiten lassen u. s. w. „Mir selbst," sagte er, „ist es leider einmal so ergangen. Ich wurde vor 12 Jahren in ein deutsches Bad geschickt, von einem Arzt, einem trefflichen Katholiken» an einen dortigen Arzt gewiesen, der mich auch behandelt hat, und am Ende fand ich, daß der Mann ein Jude war! Welches Mißgeschick!" — Der Pater, sagt ein Journal, sollte sich doch seine Krankheit wieder kaufen, um sich katholisch curiren zu lassen. England. London. Wie die „Pall Mall Gazette" erfährt, wurde der Regierung vor Kurzem seitens der Anglo - Jüdischen Association eine Denkschrift überreicht, worin die Hoffnung ausgedrückt wird, daß in irgend welchen Unterhandlungen, die zu Gunsten der Bevölkerungen in den türkischen Provinzen statlfinden düi ften, die Interessen der Juden in Erwägung gezogen werden mögen, damit allen Unterthanen der Pforte ohne Glaubensunterschied gleiche Rechte gesichert werden. Auf dieses Gesuch ist, wie das genannte Blatt hinzufügt, seitens des Earls von Derby eine günstige Antwort erfolgt. London. Die Leichtigkeit, mit welcher sich Gladstone bewegen läßt, auch auf die thörichsten Briefe Antworten zu schicken, verwickeln ihn jetzt gegen seinen Willen in eine Cvntroverse mit den Juden. Irgend ein Rev. Israelit hatte nämlick eine Broschüre geschrieben mit dem Titel „Die Juden und die orientalische Frage", in welcher die Behauptung aufgestellt wurde, daß die Juden als solche die Frage von einem besonderen Standpunkte auffaßten, und nicht ganz den Streit zwischen Christen und Mohamedanern billigen könnten. Darauf antwortete Gladstone, er bedauere, daß die Juden judaische Anschauungen in die Diskussion der orientalischen Frage brächten, da sie doch sonst gute Bürger seien, und dergleichen Unsinn mehr. Darauf kommen nun massenhafte Zuschriften von gelehrten und ungelehrten Juden an die Zeitschrif- ' ten, in welchen die einen sich verwahren, daß sie als Juden mit der Politik nichts zu thun haben, während andere wieder behaupten, die Juden seien

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