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Der Israelit · 1876-10-19 · Heft 42 (19.10.1876) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 42 (19.10.1876)
Date
1876-10-19
Page
– (sequence 22)
Language
German
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978 Jahreszeit stets gewärmter und luftiger Corridor dient den Kranken als Spaziergang im Winter und bei Regenwetter. Es gab aber auch eine Menge geräumiger Einzelzimmer, wo nur ein, zwei oder drei Betten Aufnahme fanden. Auch für die Trennung und Ruhe der Kranken war in dem jüdischen Krankenhause der Rue dePicpus trefflich gesorgt, weit besser, als in den anderen großen Pariser Krankenhäusern. Die monotone graue Hauskleidung mit den häßlichen Zipfelmützen war nicht eingeführt. Als wir an einem Treppenaufgang vorüber gingen, um in einen neuen Corridor zu gelangen, sah ich eine Menge hübscher Kinder, sämmtlich äußerst reinlich gekleidet, von mehreren erwachsenen Mädchen begleitet, die Treppe hinaufsteigen. „Aber woher kommen denn die Kinder?" fragte ich meinen Begleiter. „Aus dem Garten," erwiederte er; „die Kinder halten sich so viel wie möglich im Garten a'.ff. Eine Reihe von Zimmern sind in unserem Hause für kranke Kinder zur Verfügung gestellt. Für skrophulöse Kinder haben wir ein Filialhaus, in Bergh, am Meer, nahe bei Boulogne. Auch dieses Filialhaus ist eine Stiftung des Barons James Rothschild. Wenn Sie wollen, werde ich Sie nun durch den Flügel, den die Kinder bewohnen, in unseren Garten führen, mein Herr!" Die für die kranken Kinder bestimmten Räume bestanden ebenfalls aus größeren und kleineren Sälen und Zimmern, welche ganz in ähnlicher Weise gehalten waren, wie die Räume für die anderen Kranken. Kleine Betten ersetzten hier die großen für die Erwachsenen. Mehrere Zimmer waren für Ammen mit noch zu säugenden Kindern bestimmt. Hier stand immer das an seinem ober» Ende mit einem umhangenen Dach versehene Kinderbett neben dem Bette für die Amme. Die Zimmer waren leer; die Kinder wurden gerade zum Mittagsessen geführt, um gleich nach dem Mittagsessen ihren Aufenthalt im Garten fortzusetzen. Auf einer Seitentreppe stiegen wir in die Gartenanlagen hinab. Sie bestanden aus kleineren und größeren Gärten mit Lauben, Alleen, Blumenbeeten und parkähnlichen Gartenanlagen mit mächtigen Kastaniengruppen, welche ein Alter von über hundert Jahren zählen mochten. Ueberall trafen wir auf Kranke, welche sich im ersten Frühlingssonnenschein ergingen oder auf den grün angestrichenen Gartenbänken im Schatten der Lauben oder Baumgängen ausruhten. Dann betraten wir einen langen, lichten und hohen Corridor, dessen Fenster zu beiden Seiten auf die Gärten hinauSgingen. Der Corridor war vermittelst in seiner Mitte ausgestellter runder Oefen in temperirter Weise erwärmt. Es war ein kühler Maitag, wie der heurige Frühling in Paris so viele kühle Tage aufzuweisen hat. Das Quecksilber des Thermometers zeigte, obschon draußen am blauen Frühlingshimmel die Sonne leuchtete, kaum 10 Grad Reaumnr. „Alte Leute brauchen viel Wärme," sagte der Director, mir das Heizungssystem des Krankenhauses erklärend. „Wir befinden uns im Corridor des Zufluchtshauses für alte und gebrechliche Männer, den sie in Wintermonaten und an kühlen Frühlingstagen für ihre Spaziergänge benutzen; unser jüngster Pensionär ist über siebenzig Jahre alt. Sie werden die alten Leute gleich sehen!" Und am Ende des Corridors saßen die alten Pensionäre des Zufluchtshauses auf Gartenbänken, rauchend, miteinander plaudernd und das Mittagessen erwartend, welches im Speisesaale angerichtet wurde. Durchwegs verwitterte und gebrechliche Gestalten mit grauen Haaren und runzeligen Gesichtern, der Jüngste unter ihnen war siebenzig Jahre alt! Auch achtzigjährige und neunzigjährige Greise sah ich, an fünfzig uralte Männer, denen der Rothschild'sche Reichthum gestattete, hier in behaglicher Ruhe das Ende ihres Lebens abzuwarten. Mein Begleiter führte mich zu einem Greise, der mit einem jüngeren Genossen an einem kleinen Tische eine Partie Domino spielte und recht frisch und munter aussah. „Schauen Sie hier unseren ältesten Pensionär an", sagte der Director; „rathen Sie, wie alt er ist, aber rathen Sie hoch." Der älteste Pensionär des Zufluchtshauses des Baron James Rothschild sah weit jünger und frischer aus, als ein großer Theil seiner Gefährten. Ich rieth deshalb fünfundachtzig Jahre. Der Director lächelte und bemerkte: „Sie müssen höher hinauf." Ich rieth neunzig Jahr. „Noch höher." Ich rieth fünfundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig Jahre. Der Director schüttelte zu meinem Versuch, das Räthsel zu errathen, immer den Kopf. „Der älteste Pensionär unseres Zufluchtshauses," sagte er schließlich, „ist vor einigen Monaten hundert Jahre alt geworden und gedenkt noch weit in sein zweites Jahrhundert hinaufzusteigen." Der Hundertjährige war noch ganz frisch und kräftig, im Besitz seiner geistigen Kräfte und hatte nicht unrecht, derartige kühne Hoffnungen zu hegen. Er war kein Franzose, sondern ein Deutscher und aus Frankfurt, der eigentlichen Rothschild'sche»

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