Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1876)
- Date
- 1876-10-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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967 hinzu, die Kranke zu beobachten, er fand sie zum ersten Mal ruhiger und forderte den jungen Mann auf. ruhig in seiner Stellung zu verharren. Leo's Antlitz war leichenblaß, fast so bleich wie das seiner Schwester, die Ähnlichkeit beider trat in diesem Augenblick mehr denn je hervor. Der Arzt gewahrte es und mit Interesse ruhte sein Blick bald auf dem Einen bald auf dem Andern der beiden einander so ähnlichen und doch so unähnlichen Geschwister. Es waren dieselben Züge, dieselben großen dunkeln feurigen Augen, dieselbe hohe freie Stirn, dasselbe dunkele lockige Haar. Aber Leo's feine, fast zarte Gestalt kontrastirte seltsam mit Herminenshoher imponirender Erscheinung, ihr in gesunden Tagen frischer rosiger Teint mit seinem stets bleichen, fast kränklichen. Und was sie noch am meisten von einander schied, das war der Ausdruck ihrer Züge. Herminens große prachtvolle Augen sprühten sonst vor Lebenslust und bezauberndem Muthwillen, auf Leo's Antlitz lagerte fast beständig tiefer Ernst; aus seinem feurigen Auge strahlte die innigste aufrichtigste Resignation. Eine Viertelstunde mochte lautlos verstrichen fein, da vernahm man vom anstoßenden Zimmer her das schwache Wimmern des Neugeborenen, um die bleichen Lippen der jungen Mutter zuckte es. „Leo", flüsterte sie, ohne die Augen zu öffnen, „sind wir allein?" Der Arzt winkte, Werner möchte bejahen und zog sich zurück. „„Wir sind allein, Hermine, Niemand hört uns."" Sie drückte seine Hand fester an ihre Stirn. „Deine Hand ist warm und thut mir so wohl, aber Deine Worte sind kalt. Leo mein Bruder — mein lieber theurer Bruder, sage nur ein einziges mal: liebe Hermine zu mir, o. er nenne mich Schwester." Ein tiefer schmerzlicher Seufzer hob Leo's Brust und seine Stimme bebte. „„Hermine, vor sechs Jahren, als die vier Trauerwochen um den Tod der Eltern vorüber waren .und ich zu verreisen gezwungen war, und dann heimkehrte und jene entsetzliche Nachricht empfing — da habe ich zum dritten Mal mein Kleid zerrissen und bitterer als um den Tod der Eltern, habe ich getrauert um die Schwester, die levend mir gestorben."" Er hatte, ohne es zu wissen, die Hand von ihrer Stirn entfernt; sie schrie laut auf: „Da ist's schon wieder! da — da — oh! eS winkt — ich komme! —" sie schien sich aufrichten zu wollen, sank jedoch erschöpft zurück. Leo legte rasch seine Hand wieder auf ihre Stirn. Einige Minuten lag sie ruhig da, ihr Athem ging kur; und rasch, dann begann sie wieder: „Lasse Deine Hand so, Leo, dann kann ich denken, dann ist der Kopf mir klar und ich erkenne alles so klar — aber ich muß eilen — meine Zeit ist rasch um." „„Sprich nicht so, Hermine,"" bat Leo, „„der Arzt versichert, wenn Du nur ruhig werden könntest, so dürften wir hoffen."" „So dürften wir hoffen," wiederholte sie und ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen, „was kümmert's Dich, Leo?" „„Hermine!"" „Laß', Leo, laß', ich verstehe Dich — ich erkenne jetzt alles so klar — so deutlich. — Ja, Leo, Du hast Recht, vor sechs Jahren, da ist Deine Schwester gestorben — aber jetzt lebt sie — wenn auch nur für wenige Stunden." „„Hermine, verstehe ich Dich recht? dürfte ich hoffen?"" „Unterbrich mich nicht, Leo," bat sie, „meine Zeit ist sehr, sehr kurz. — Ja, Leo, Du hast mich verstanden — ich bereue — O, wie schmerzlich bereue ich die schwere Schuld, die ich auf mich geladen. — Aber erst seit gestern bereue ich — seitdem Arthur mich verlassen hat. — Diese ganze sechs Jahre, in denen ich inseinen Armen schwelgte, habe ich nichts bereut, nichts — denn ich liebe ihn, so heiß — so innig — wenn Du eine Ahnung davon hättest, wie ich ihn liebe, so würdest Du meinen Frevel vielleicht milder beurtheilen — nein, das nicht — aber Du würdest ihn wenigstens begreiflich finden — Armer Arthur — wie wird er es ertragen — er liebt mich so sehr — und ist so gut — so rein — so edel — ihn trifft keine Schuld. „Aber ich danke Gott, daß er mich gestern verlassen mußte — sonst wäre ich ohne Reue hinübergegangen. — Aber seitdem er fort ist, bereue ich. — O, wenn Du wüßtest, welche Qualen der Reue seit gestern mein Herz zerrissen und nahezu meinem Verstand —" „„Hermine, theure geliebte Schwester! Du willst also zurückkehren — Gott sei Dank! Gott sei Dank!"" „Ja, Leo, ja, ich will zurückkehren — Du mußt mir sagen, was ich thun muß — aber zuvor habe ich noch ein Anderes Dir an's Herz zu legen. — Leo, Gott hat als Jüdin mich erschaffen, und wenn ich auch Jahre hindurch Ihn verleugnet und mich Christin genannt habe, Jüdin bin ich ja doch geblieben und mein Kind ist Jude. Nicht wahr?* „„©eang meine theure Schwester, gewiß und