Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1876)
- Date
- 1876-10-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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968 ich hoffe, Du wirft es trotz aller Hindernisse als Juden ihn erziehen."" „Ich nicht, Leo, ich nicht, mir bleiben nur wenige Stunden." „„Sprich nicht so, Hermine, Dein Gemüth ist jetzt ruhiger, Du bereuest, was Du gethan, hoffen wir zu Gott, daß er Dir Zeit gibt, Deine Reue zu bethätigen."" „Nein, Leo, täuschen wir uns nicht, ich suhle es, es geht zu Ende. Und eben weil ich wahr, weil ich aufrichtig bereue — darum wünsche ich nicht und solltest Du es auch nicht wünschen, daß es anders wäre — denn wenn jetzt Arthur heimkehrte und mich in seine Arme schlösse — ich wüßte nicht, ob ich die Kraft hätte, mich ihnen zu entwinden — ich wüßte nicht, ob die Zunge den Dienst mir nicht versagte, ob ich sagen könnte, ich bereue. — Aber ich bereue aufrichtig, Leo — ich bereue. — Und wenn nun Arthur heimkehrt, und mich nicht mehr findet — armer, armer Arthur! — Versprich mir, Leo, daß Du dann zu ihm gehst, und ihm meine letzten Grüße bringst — und ihm sagst, daß ich ihm danke für alle seine Liebe — und daß ich ihn geliebt habe bis zu meinem letzten Athemzug — und dann sag' ihm auch — nein, sag' ihm nicht, daß ich bereue, das könnte ihn schmerzen — aber sage ihm, daß nach unsecn Anschauungen kein Jude je aufhört, Jude zu sein, und daß der Sohn einer Jüdin Jude ist. — Sage, daß ich ihn bitte, ihn beschwöre — er hat noch nie eine Bitte mir verweigert — so möge er auch meine letzte — freilich die schwerste mir nicht verweigern -- daß er meinen Sohn Dir übergebe — damit Du ihn erziehest zu einem braven wackern Juden — damit er einst sühne den Frevel seiner Mutter. —" Ihre Stimme war schwächer nnd schwächer geworden, ihre letzten Worte waren fast lallend. Leo, mächtig erschüttert, rang nach Fassung. „„Es wäre gewiß mein sehnlichster Wunsch, den Sohn meiner geliebten Schwester als meinen Sohn zu erziehen und ich werde sicher Deinen Wunsch erfüllen und dem Grafen Deine Bitte dringend an's Herz legen; aber ich zweifle, daß er sie gewähren wird."" „Arthur — armer, armer Arthur — nein, gleich wird er sie nicht gewähren —aber versprich mir Leo — daß Du wieder und immer wieder den Versuch machen wirst, ihn dazu zu bewegen — ein etwas sagt es mir, schließlich gibt er nach." „„Ich werde Deinen Wunsch erfüllen, meine theure geliebte Schwester."" Er nahm seine Hand von ihrem Haupt und hauchte einen Kuß auf ihre bleiche Stirn. „Dank," flüsterte sie und ein Lächeln glitt über ihr Antlitz, aber mit Entsetzen gewahrte er die Veränderung, die sichtlich von Minute zu Minute mit ihr vorging. Mit fast übermenschlicher Anstrengung strebte er, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen, aber dennoch bebte sie. „„Hermine,"" sprach er, „„Du batest vorhin, ich möchte Dir sagen, was Du thun müßtest, um zum Judenthum zurückzukehren — ich will es Dir vorsagen, willst Du versuchen, es nachzusprechen?"" Sie winkte ihm mit den Augen, er möge beginnen; er neigte sich noch tiefer zu ihr und sprach so vernehmlich, als es ihm in diesem Moment möglich, das Sündenbekenntniß. Mit schwacher aber doch mit fester Stimme sprach sie Wort für Wort ihm nach. — Und als das Sündenbekenntniß zu Ende war, sprach er das Schema. Sie wiederholte jedes Wort. Dann neigte er sich nochmals über sie und berührte mit seinen Lippen ihre Stirn. „Dank, Leo, Dank — und nun mein Kind — laß mich's noch einmal sehen." Leo eilte in das anstoßende Zimmer und theilte dem Sanitatsrath den Wunsch seiner Schwester mit. Wolter begab sich an das Krankenbett und befahl der Wärterin, mit dem Kinde ihm zu folgen. Doch bei dem ersten Blick erkannte er, daß es sich hier nur noch um Minuten handelte und winkte der langsam daher schreitenden Wärterin, sich zu beeilen. Leo nahm der Zögernden das Kind aus den Armen und trug es selbst zum Bette seiner Schwester und, seine Lippen so nahe als möglich zu ihrem Ohr bringend, sprach er: „Es soll mein Kind sein, ich werde, was möglich ist, thun." „„Dank,"" stammelte sie und suchte mit ihren zuckenden Händen das Kind zu berühren. Leo nahm die kleine Hand des Kindes und ließ sie über das Antlitz der sterbenden Mutter gleiten. Wie ein letzter Sonnenblick glänzte es in dem brechenden Auge. — Dann murmelte sie abgebrochene Worte vor sich hin, Leo glaubte eine Wiederholung des Schema zu vernehmen. Er legte das Kind der Wärterin wieder in den Arm; in demselben Moment erscholl vom Vorzimmer her der helle Ton eines Glöckchens. Unwillkürlich wandte sich Leo um. Die Flügelthüren waren weit geöffnet, herein trat der Priester mit der Monstranz, der Sterbenden das Abendmahl zu reichen; im Vorzimmer war die Dienerschaft des Hauses versammelt. Alle sanken in die Kniee, die meisten heftig weinend,