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Der Israelit · 1876-10-19 · Heft 42 (19.10.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 42 (19.10.1876)
Date
1876-10-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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966 Feuilleton. Prosclytcu. Von Friedrich Rott. XXII. Die Arme in einander verschränkt, den Hut tief in die Stirne gedrückt, saß Werner da, keines klaren Gedankens fähig. Seine Schwester sollte er Wiedersehen, seine sterbende Schwester, die er einst so innig geliebt. — Seit sechs Jahren hatte er alle ihre Annäherungsversuche schroff zurückgewiesen, sie nicht mehr als Schwester betrachtet, und nun — Der Wagen hielt vor dem stolzen Palais des Grafen? Staremberg; Joses stieg aus und bat Werner, ihm zu folgen; wie im Traum eilte er die breiten mit schweren Teppichen belegten Marmorstiegen hinan; der Alte vermochte kaum Schritt mit ihm zu halten. „Entschuldigen Sie, Herr Werner, ich muß den Herrn Sanitätsrath von Ihrer Gegenwart in Kenntniß setzen; bitte, treten Sie gefälligst hier herein." Er öffnete die Flügelthüren eines Salons; wenige Minuten darauf trat auch Sanitätsrath Wolter ein. Die Herren verneigten sich gegen einander. „Ich habe wohl die Ehre, Herrn Werner zu begrüßen?" Werner verneigte sich zustimmend. „Mein Name ist Wolter, ich bin der ordinirende Arzt der Frau Gräfin Staremberg." „„Wie? —stammelte Werner, „„wie?—"" er war nicht im Stande, den Satz zu vollenden. „Sie wünschen zu wissen, wie die Frau Gräfin sich befindet? Leider kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß das Aeußerste zu befürchten ist. Die Kräfte der Patientin sind vollständig erschöpft und außerdem ist die beständige Gemüthsaufregung wohl geeignet, ernstliche Besorgniß zu erregen. Die Frau Gräfin hat wiederholt und dringend nach Ihnen verlangt; wenn es Ihnen gelingen würde, ihre Aufregung zu beschwichtigen, so dürften wir vielleicht noch hoffen." Werner zuckte die Achseln: „„das wird mir nicht gelingen," ' flüsterte er. „Wer kann wissen, vielleicht doch. Ein entsetzliches Etwas scheint ihr beständig vor Augen zu schweben, und dabei murmelt sie häufig: Hilf Leo, hilf!" „„Kann ich hinein gehen?"" fragte Werner leise. „Gewiß, gewiß, und möchte ich dringend bitten, doch nichts unversucht lassen zu wollen, was die Frau Gräfin beruhigen könnte." Von dem Arzt geleitet betrat Werner das Krankenzimmer. Ihr Eintreten hatte auch nicht das leiseste Geräusch verursacht, aber Hermine hatte es trotzdem gewahrt. „^eo!" rief sie und streckte ihm beide Hände entgegen, während eine matte Röthe ihre Wangen überzog. Bei ihrem Anblick a"es vergessend, stürzte Werner zum Bette, preßte ihre Hände in die seinen und drückte einen innigen Kuß auf ihre Stirn. „Dank," flüsterte sie, „Dank," und ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen; „endlich Haft Dü mir verziehen." Werner fuhr zusammen, erwiederte jedoch nichts. Der Sanitätsrath schob einen Sessel zum Bette und bat ihn, sich zu setzen; er selbst zog sich decent in die Fensternische zurück und winkte auch der Wärterin, sich zu entfernen, die Geschwister ungestört zu lassen. Sie schauten einander an, lange, Auge in Auge. „Sprich, Leo, sage, daß Du mir verziehen hast." „„Du hast gegen mich nicht gesündigt, Hermine, ich habe Dir nichts zu verzeihen."" „Doch, doch, auch gegen Dich — O! da ist es schon wieder. Hilf, Leo, hilf! sieh wie es mir winkt! — es will mich greifen! — o! o! siehst Du es denn nicht?"" „Was denn, Hermine, was denn?" „„Da, da—'s ist der selige Vater", flüsterte sie schaudernd, „„der selige Vater im Todtenhemd — seit gestern Nachmittag ist er beständig bei mir — o! o! siehst Du ihn denn nicht?"" Werner war starr vor Entsetzen, doch erzwang sich, ruhig zu sein. „Ich sehe nichts, Hermine, Deine Phantasie ist erregt." Beschwichtigend legte er seine Hand auf ihre Stim: sie athmete erleichtert auf. „„Ach — wie das wohl thut! — jetzt ist's fort — Dank, Leo — ich wußte es ja. Du würdest mir helfen —"" erschöpft hielt sie inne und schloß di: Augen. Werner wollte die Hand zurückziehen, doch sie hielt st? fest an ihre Stirn gedrückt. »„Laß sie so,"" batst?, „„so istmir'swohl — im Kopf ganz klar — so kann ich denken — und ich muß mit Dir sprechen — laß mich nur ein wenig ruhen."" Regungslos saß Werner am Bette, seine Hand auf der Stirn seiner Schwester. Der Arzt trat

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